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Hauptsache Reichweite – Was Facebook löscht und was nicht!

Sven Krumrey

Facebooks Pressemitteilungen sind immer wunderbar zu lesen. Das Unternehmen sieht sich als Mittler einer weltweiten, liebevollen Gemeinschaft. Wäre Mark Zuckerberg noch etwas niedlicher, die Idylle wäre perfekt. Doch all das stimmt natürlich nicht, Hass und Gewalt sind leider Alltag. Deshalb wird Facebook inzwischen gesetzlich gezwungen, besonders verachtenswerte Inhalte zu entfernen. Weshalb solche Beiträge dennoch und mit voller Absicht stehen bleiben, hat kürzlich ein Undercover-Journalist des britischen Senders Channel 4 berichtet.

Unter Dauerbeschuss: Mark Zuckerberg

Wäre Mark Zuckerbergs Leben ein Comic, würde er zwar in Geld schwimmen, allerdings würde ihm gerade täglich ein Amboss auf den Kopf fallen. Seine Aktionäre sind sauer, weil er zwar Unmassen von Geld erwirtschaftet, aber immer noch nicht genug für Ihren Geschmack. Dieser Liebesentzug kostete Facebook zwischenzeitlich ein Viertel des Aktienwerts, aktuell schlappe 119,4 Milliarden US-Dollar. Politiker verdonnern ihn dazu, Hass-Kommentare von Facebook zu löschen, sonst drohen empfindliche Strafen. Dann wird er auch noch von einer Reporterin aufs Eis gelockt und muss ohne Anwälte oder vorgefertigte Antworten ein Interview bestreiten – ein Desaster. Da nun auch noch ein Journalist aufdeckt, was niemals bekannt werden sollte, kommt schon der nächste Amboss geflogen.

Was war passiert? Ein findiger Reporter vom britischen Fernsehsender Channel 4 hatte vorgegeben, ein Facebook-Moderator werden zu wollen. Das sind genau die Menschen, die darüber entscheiden, welche Inhalte auf dem Netzwerk bleiben dürfen – und welche gelöscht werden. Was er in seiner Schulung lernte, war schlicht grausam und menschenverachtend. Denn Gewalt und Hass werden nicht immer gelöscht, man hat hier höchst zweifelhafte Regeln entwickelt. Beginnen wir mit dem Eindeutigsten, dem Jugendschutz. Ganz klar: Nutzer unter 13 Jahren sind bei Facebook verboten, sie sind per AGB von der Nutzung ausgeschlossen. Moderatoren sollen aber nur Beiträge von Kindern löschen, wenn die Nutzer explizit sagen, dass sie jünger als erlaubt sind. Selbst wenn die Kinder in den Videos selbstverletzendes Verhalten anzeigen, soll nicht anders als mit Erwachsenen verfahren werden. Also ist Wegschauen angesagt, man möchte ja keinen Kunden vergraulen und ein Werbeprofil für ein Kind ist besser als keines!

Wer genug Fans und Follower hat, darf bleiben Wer genug Fans und Follower hat, darf bleiben

Extremisten sollen ja eigentlich von Facebook verwiesen werden, so die Theorie. Da Extremisten aber auch extrem polarisieren und damit für jede Menge (Sie ahnen es!) Aufmerksamkeit, geteilte Beiträge, Diskussionen und Klicks gut sind, wird hier unterschieden. Wer richtig viele Follower hat, wird nicht gelöscht. Bei denen dürfen sich ruhig die Beschwerden häufen, sie fallen in eine Kategorie wie große Medien oder gar Regierungsorganisationen. Will man es zusammenfassen: Beliebte und bekannte Extremisten dürfen bleiben, weil sie für Facebook einträglich sind. In eine ähnliche Sparte fallen auch hasserfüllte Beiträge gegen ethnische oder religiöse Gruppen. Letztere werden zwar per Richtlinie geschützt, aber auch hier finden sich unerwartete Abstufungen. So darf man z.B. Moslems generell nicht beleidigen, beschimpft man aber muslimische Migranten, geht das wieder klar. Die sind ja nur ein Teil einer religiösen Gruppe, das sollen Moderatoren dann eher entspannt sehen. Die naheliegende Frage, weshalb man denn überhaupt gegen eine Gruppe von Menschen hetzen darf, bleibt hier unbeantwortet.

Interessant ist auch der Zeitfaktor: Facebook versprach, jeden beanstandeten Kommentar innerhalb von 24 Stunden prüfen zu wollen. Das kann durchaus (lebens)wichtig sein, wenn Menschen mit Selbstmord drohen, sich verletzen oder Einzelpersonen verächtlich gemacht werden. Der Ruf eines Menschen kann innerhalb eines Tages ruiniert sein, wenn Millionen einen Beitrag lesen, selbst wenn dieser komplett falsch ist. Intern gibt man offen zu, dass man es nicht mal ansatzweise schafft, diese Frist einzuhalten. Auch damit bricht man eine Zusicherung, die man besorgten Politikern und Interessensverbänden gegeben hatte. Zeit braucht es auch, einen Beitrag zu sehen, zu verstehen und dann auch noch zu beurteilen. Zuweilen müssen aber Moderatoren ganze 7000 Kommentare pro Tag bewerten. Wie kann man in einem solchen Akkord noch auf Einzelheiten achten?

Nicht jede Gewalt wird von Facebook gelöscht Nicht jede Gewalt wird von Facebook gelöscht

Gewalt hat auf Facebook nichts zu suchen, das wird Ihnen jeder Facebook-Mitarbeiter erklären. Die Realität sieht anders aus und es hat Methode. In einer Schulung wurde ein Video gezeigt, in dem ein Kind misshandelt wurde. Die Moderatoren können solche Inhalte löschen, ignorieren oder als störend markieren, was eine Art Verwarnung ist. Gewaltvideos werden aber oftmals nicht gelöscht, solange die Texte dazu nicht gewaltverherrlichend oder respektlos sind. So ist ein Video zwei kämpfender Teenager (die klar zu erkennen sind) gegen deren Willen online geblieben, weil in dem Kommentar zu dem Video Gewalt verurteilt wurde. Selbst ein Video in dem ein Kleinkind misshandelt wird, ist seit 2012 online- was sogar in der Schulung als Beispiel gezeigt wurde. Es wird schlicht als „störend“ markiert. Hier muss der Nutzer dann noch einmal extra klicken, bevor es startet, das reicht Facebook vollkommen. Roger McNamee, einer der ersten, großen Facebook-Investoren, nennt das Kind beim Namen. Genau das Extreme, Gefährliche, Polarisierende würde die Menschen auf den Seiten halten. Ohne diese Inhalte würde man weniger Zeit auf solchen Portalen verbringen und natürlich auch weniger Anzeigen sehen.

Es geht Facebook also allein um Reichweite, Interaktionen und Klicks. Hier soll niemand geschützt werden, Fake-News oder extremistische Inhalte werden toleriert, solange sie häufig genug gesehen werden. Es zählt einzig der Erfolg, dem alles andere untergeordnet wird, ob damit Menschen geschadet wird oder nicht. Facebook wird sich nun sicher verteidigen, dass solche Moderatoren von Subunternehmen geschult werden. Aber glaubt jemand ernsthaft, diese Unternehmen bekämen keine genauen Weisungen von Facebook? Und wenn es sich um einen Einzelfall handeln sollte – wieso handelt Facebook seit Jahren dann exakt so, wie es der Journalist in seiner Schulung gelernt hat? Es wäre wünschenswert, wenn Facebook seinen Ankündigungen Taten folgen ließe statt weiterer, schöner Pressemitteilungen.

Was meinen Sie, sollte man nach solchen Enthüllungen Facebook überhaupt noch nutzen?

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