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Verlegenheit, überraschende Ausfahrten und Zombies: Die Welt der Malware

Sven Krumrey

Ja, ich habe einen folgenschweren Fehler gemacht. Ich wollte ein Codec Pack herunter laden. Das wäre kein Problem für Sie? Doch, wenn ständig versucht wird, Ihnen durch unerwünschte Software Geld aus der Tasche zu ziehen! Setzen Sie sich den Indiana Jones-Hut auf und begleiten Sie mich in das wundersame Land der Malware!

Eigentlich wollte ich nur per Google suchen, auf ein Download-Portal gehen und dort die Datei herunter laden. Doch dort erwartete mich nicht ein Download Button, sondern sechs. Und hinter keinem war das Codec Pack versteckt. Man muss kein Genie sein, um zu vermuten, dass dem Suchenden hier Software untergeschoben werden soll, aber was sind das für Programme und wo findet man den eigentlichen Download?

Wo man normalerweise erschrocken die Installation abbricht, werfen wir unerschrocken einen Blick auf die ungeliebten Stiefkinder und dunklen Ecken der Software-Industrie. Zitternd wandert der Mauszeiger zum ersten Download Button.

Was mag sich hinter diesem Button verbergen?

Es meldet sich ConvertYa* und besetzt einen prominenten Platz im Browser. Diese Toolbar kann immerhin Dateien in andere Formate konvertieren, das integrierte Radio spielt einen Reggae-Sender aus Kenia und sorgt damit für eine heitere Multikulti-Stimmung. Ansonsten sind keine nennenswerten Funktionen verborgen, dafür schwört man hoch und heilig, keine persönlichen Daten weiter zu geben. Das alles gibt es online besser und mit mehr Möglichkeiten, öde und überflüssig!
Reply* als Startseite ist hingegen richtig ärgerlich. Die erste Seite der Suchergebnisse ist immer Werbung pur, selbst der Begriff Papst sorgt für eine Masse an Sammeltellern, Büchern, Israel-Reisen und Gebetszeit-Uhren. Auch die Vorschau der Bildersuche ist pixelig und bei Wiedergabe häufig verzerrt, der Heilige Vater wirkt so deutlich übergewichtig. Also weg damit, es gibt ja noch mehr Bewerber für meine Startseite.
StupidSearch* kann hier glänzen. Kaputte Grafiken, Links zu Ballerspielen und Potenzmitteln sorgen gleich für tiefes Vertrauen. Zudem habe ich ein iPad gewonnen, ein Fußballer mit Klumpfuß will mir die aktuellen Sportergebnisse zeigen und Comic-Damen lassen tief blicken, da gibt man doch automatisch seine Kreditkarten-Informationen her! Bevor man allerdings überhaupt etwas machen kann, stürzt Firefox vor lauter Unwohlsein ab. Dafür startet nun ein echtes Angebot für Nerds: Zombie-News! Dieses Programm durchsucht angeblich die internationalen Nachrichten nach Berichten über Zombie-Invasionen und gibt Nachricht, sobald Untote durch ihr Wohngebiet taumeln. Das klingt sinnvoll und wird natürlich installiert, bleibt fortan aber unsichtbar, schade.

Zombies, ein dringendes Problem unserer Gesellschaft

Hinter einem anderen Download verbirgt sich die Firma Delicate* die gleich volle zehn Programme installieren will. Da noch massig Platz auf der Festplatte ist, rauf damit!
Definitiv schön ist der Angry Optimizer*, der sich bei jedem Start wild blinkend in Erinnerung ruft. Will man die Registrierung abbrechen, muss man auf Ausfahrt klicken, da hat jemand blind dem Google Translator vertraut. Die angebotene Prüfung des Rechners offenbart Abenteuerliches: 1005 Datenschutzrisiken, 908 falsche Registry-Einträge und Tonnen Datenmüll, man will aber vor dem Kauf nicht verraten, wo sich all das auf meinem recht sauberen, frischen System verstecken soll. Immerhin erkennt er seinen eigenen Dienst als Bedrohung und zeigt damit guten Willen.
Der Bubu Browser* startet zuerst manierlich und hat sogar Google als Startseite, führt mich dann jedoch vorwiegend auf Seiten, wo man noch viel mehr zweifelhafte Software untergeschoben bekommt. Das Versprechen, ein „Anti-Spyware Browser“ zu sein, klingt da wie bewusste Irreführung. Selbst die irren Werbelinks, die für „schnelles Geld aus dem Ausland“, imposantere Genitalien oder Medikamente gegen Krebs in den angezeigten Texten versteckt werden und so selbst trockene Sachtexte aufpeppen, machen dieses Programm nicht besser.

Loser Fix* zeigt sich als seriöses Analyse-Tool, sieht aber, wie erwartet, mein gerade frisch installiertes Windows 7 in einem desaströsen Zustand. Immerhin werden die Größe meiner Festplatte und der Prozessor überschwänglich gelobt, das tut richtig gut bei all den Hiobsbotschaften. Überraschend wird bei den gefährlichen Ereignissen der Absturz des eigenen Installers beklagt, was nach bitterer Selbsterkenntnis klingt, bevor der etwas unheimliche Begriff der Windows-Schäden (hoch) eingeführt wird. Wer da Fragen hat, kann gleich eine Hotline in Amerika anrufen, wo hoffentlich jemand den Ratschlag gibt, das ganze Elend vom Rechner zu schmeißen.

Und überall will man Ihr Bestes

Völlig überraschend und konzeptlos entert NoneProtect* den Bildschirm. Irgendwo im Hintergrund geöffnet, verkündet ein kleines Fenster, ich hätte 55.207 persönliche Dateien auf dem Rechner, was auf einem Testsystem ziemlich überraschend ist. Dagegen hilft mir nur die Investition von nur 59.99 $, was aber ich dafür bekomme, bleibt komplett rätselhaft. Die wunderbare Nachricht Alle Pläne verfügen über unbeschränkten Backup-Speicherplatz beruhigt mich nur wenig. Während ich noch nachdenke, ob ich zur Abwechslung mal komplett wirr Geld ausgebe, öffnet sich ein Browser und zeigt die panisch blinkende Nachricht, ich möge schnell noch einen weiteren Optimizer herunter laden, weil mein Windows so gefährdet sei. Dabei habe ich grob geschätzt schon 6 auf dem Rechner, das scheint noch nicht zu reichen.

Ich habe mittlerweile auch keine Ahnung mehr, welches Programm dies verursacht hat, längst hat der Müll die Führung übernommen. Nachdem ich das Blinken ignoriert habe, werfen meine anonymen Besucher gleich mehrere Köder aus: Ich soll ein exklusives Geschenk im Wert von 2000 $ bekommen, hemmungslose Frauen aus meiner Nachbarschaft kennenlernen und kann in einer Umfrage meine unverblümte Meinung sagen. Viel zu tun kurz vor Feierabend! Als ich den Browser schließen will, kommt ein flehentliches Warten Sie! Verlassen Sie uns noch nicht! Es fehlt nur noch ein Bild von einem traurig schauenden Hund, dann hätte ich es mir noch mal überlegt. Doch das nächste Highlight wartet schon.
Farbenfroh bis zur Netzhautablösung startet der FailReg Cleaner Deluxe*. Der pflügt in Windeseile durch mein System und zeigt selbstverständlich, dass mein Windows dem Untergang geweiht ist. Verblüffend allerdings die Empfohlene Aktion: Verlegenheit jetzt! Wer würde da nicht spontan wie ein junges Mädchen vor seinem Rechner erröten? Startet man das System neu, wird mir die aktuelle System Zerstörgrenze angezeigt, bevor sich ein weiterer Browser öffnet, wo dasselbe Programm 2 $ weniger kostet, hier ist der Kunde noch König!

Die Haltung purer Resignation

Auch wenn man es mit Humor nimmt, je länger ich mir all die Programme ansehe, desto mehr nerven sie. Kein einziges Produkt ist seinen (zumeist recht hohen) Preis wert. Gibt es denn keine Programme, die auch durch ihre Leistung überzeugen können und die man so anbieten könnte? Es gibt gute, sinnvolle und seriöse Programme in dieser Richtung, aber es ist harte Arbeit, sie zu produzieren! Wer nur Angst und Druck nutzt, um seine Programme zu verkaufen, macht definitiv etwas falsch. Zudem wirkt der Rechner wie ferngesteuert, Browserfenster öffnen sich wie von Geisterhand, Werbeangebote erscheinen an jeder Ecke und was gerade an Privatsphäre verletzt wird, möchte ich gar nicht wissen. Hier geht es nicht um Desktop Icons, die man mit einem Klick löschen kann, es gibt in den Setups auch keine faire Möglichkeit, diese Programme abzuwählen. Mit einem Wust von Texten, Häkchen und Reitern ist es selbst mit Erfahrung und Konzentration unmöglich, alle Installation zu umgehen. Wer solch gefährlichen Müll seinen Kunden unterjubelt, muss sich nicht wundern, wenn man diese Download-Portale fortan meidet!

Den eigentlichen Download Link fand ich übrigens ganz unten versteckt. Ein kleiner, unscheinbarer Textlink.

Wichtig: Diese Programme wurden auf einem Testsystem installiert. Wenn Sie nicht immens viel Zeit und gute Nerven haben, machen Sie es nicht nach. Viele Programme wollen bis zum Kauf nerven bzw. Angst machen und lassen sich nur widerstrebend entfernen. Wer sich erst gar nicht in die Gefahr begeben möchte: Ashampoo Antivirus hat bei jeder Installation zweifelhafter Software verlässlich gemeckert. Ich habe es aber für Sie ignoriert.

*manche Namen wurden verfremdet, damit ich nicht Bekanntschaft mit Anwälten aus aller Welt machen muss
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