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Das Ende von Facebook, wie Sie es kennen

Sven Krumrey

Viele der fast 2 Milliarden Facebook-Benutzer werden sich in letzter Zeit gewundert haben, was Ihnen Facebook so an neuen Beiträgen präsentiert. Wo vorher eine bunte Mischung zwischen Freunden, Info und Hobby-Seiten kam, stehen nun Familie und Freunde ganz oben, oftmals recht einsam. Das klingt sozial, nett und verbirgt dabei geschickt, wie raffiniert Facebook daran arbeitet, den Druck auf andere Seitenbetreiber zu erhöhen. Ziel: Mehr Geld für Facebook! Lesen Sie, weshalb andere Leuten zahlen sollen, damit Sie sich nicht langweilen.

Ganz so verlassen ist Facebook noch nicht

Ich dachte eigentlich, das Geschäftsmodell von Facebook sei bekannt: Werbung und Benutzerdaten verkaufen. Das reicht allerdings nicht, um Mark Zuckerbergs Landsitz zu vergolden, 3 Milliarden weitere graue T-Shirts zu kaufen oder was auch immer das große Ziel von ihm sein mag. Und so wird teuer, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Sichtbarkeit bei den Lesern! Denn nun erscheinen in der Timeline (die neusten, angezeigten Beiträge) nicht nur Freunde und Verwandte, sondern oftmals auch jene, die dafür zahlen mussten! Vorbei die Zeiten, wo das einfache Liken einer Seite ausreichte, um dort immer auf dem neusten Stand zu bleiben.

Wie das Ganze funktioniert, möchte ich am praktischen Beispiel verdeutlichen: Ein talentierter, reiselustiger Fotograf namens Nic geht seiner Passion nach und stellt es auf Facebook. Er liebt es, durch einsame und verlassene Orte zu streifen und dort stimmungsvolle Bilder zu schießen. Er macht nicht das große Geld damit, sondern möchte seine Eindrücke teilen und Menschen damit erfreuen. Seine Seite die verlassenen Orte gefällt auf Anhieb, schnell finden sich zahlreiche Fans ein, die sich schon auf die Ergebnisse seines nächsten Trips freuen. Postet er was Neues, werden die Fans über ihre Timeline informiert, ein wunderbares System. So war es jedenfalls, bis Facebook die Gier anscheinend zur olympischen Disziplin erhob.

Ein Blick ins Facebook-Hauptquartier Ein Blick ins Facebook-Hauptquartier

Denn das Unternehmen kappt zuerst aktiv die Sichtbarkeit (also Verbreitung) einer Seite – um dann den Betreibern dreist anzubieten, sie gegen Geld wieder zu erhöhen! Das kommt für mich einem Pannendienst gleich, der vorher die Reifen zerstochen hat. So kommen „Angebote“, z.B. 5 € zu zahlen, um 1200 Leute mehr zu erreichen. Möchte man noch mehr erreichen – Facebook hat große Taschen. Um es deutlich zu machen: Hier erstellt jemand unentgeltlich Inhalte (wunderbare Fotos), die Facebook sehenswerter machen und soll dann Geld investieren, damit sie auch gesehen werden können? Klingt für mich, als würde man von ehrenamtlichen Mitarbeitern noch Bares verlangen, damit sie helfen dürfen. Und damit ist Nic kein Einzelfall, kein Fehler im System, eine Umfrage unter 3000 Seiten brachte ähnliche Tendenzen zutage.

Aus Facebooks Sicht ist das natürlich ganz anders. Dort helfen Algorithmen, die geheimer als das Coca Cola-Rezept sind, das bestmögliche Benutzer-Erlebnis zu gestalten. Klingt gut, oder? Alles für die Nutzer, edel und selbstlos. Die Reichweiten unzähliger Seiten sinken also nur, damit die Nutzer nicht mit Postings überschwemmt werden und nur die wichtigsten / relevantesten Beiträge lesen. Nehmen wir für eine Sekunde an, das stimmt: Werden die Nutzer nicht dann doch wieder heillos überfordert, wenn zahlreiche Seiten wieder in der Timeline erscheinen, nachdem gezahlt wurde? Oder ist das dann egal? Und wieso sind davon auch kleinste Seiten mit 50 Likes betroffen, wo nur Meerschweinchen-Fotos gepostet werden und wo man sicher von einem sehr speziellen Interesse ausgehen kann? Wieso kann ich nicht selbst sorgsam die Seiten liken, von denen ich in Zukunft etwas sehen will?

Gerne unterschätzt: Wirtschafts-Faktor Meerschweinchen Gerne unterschätzt: Wirtschafts-Faktor Meerschweinchen-Bilder

Denn anscheinend unterscheidet Facebook nicht, wen es vor sich hat. Um fair zu sein: Ashampoo hat auch eine liebevoll gepflegte Facebook-Seite, wir nutzen sie für Unterhaltung, Kontakt zu Ihnen und auch für Werbung – hier kann Facebook ja gerne seine Forderungen stellen. Wir sind eine Firma, wir können frei entscheiden, ob wir das Geld in die Hand nehmen oder nicht. Was wir übrigens nicht machen, weil die finanziellen Forderungen aus unserer Sicht jenseits von Gut und Böse sind. Für das Geld könnten wir, leicht überspitzt, auch reitende Boten losschicken, die Ihnen Hummer reichen. Aber wie kommt man um Himmels Willen auf die Idee, jene Leute abzukassieren, die neben den persönlichen Kontakten überhaupt erst den Reiz von Facebook ausmachen?

Wer drangsaliert all die kreativen, fleißigen, humorvollen, verrückten Köpfe da draußen, die uns ihre Ideen und Projekte zeigen? Die Zeit und Mühen investieren, um uns immer wieder staunen oder lächeln zu lassen? Wer bittet jene kleinen Shops zur Kasse, die vielleicht 3 gehäkelte Topflappen im Monat verkaufen? Wenn eine Seite vom Mitmachen, Sehen und Gesehenwerden lebt, dann Facebook. Und viele der Seitenbetreiber resignieren schon, weil sie merken, dass sie kaum noch wahrgenommen werden. Und das ist genau der Moment, wo sich Facebook, auf seinem Geldhaufen sitzend, in den Fuß schießt.

Denn Facebook wäre um vieles ärmer ohne diese Menschen, die Bastler, die Macher, die Künstler und Fotografen. Wenn man in seiner Timeline nur noch zwischen Freunden/ Familie, den Branchenriesen und bezahlten Inhalten auswählen kann, könnte es mit der Zeit einsam werden im gelobten Land. Für viele, die diese Seite lieben, ist die Grundidee gefährdet, wenn Reichweite zur Ware wird. Momentan stimmen die Zahlen und Gewinne, doch all das basiert auf einem einzigen, wackeligen Faktor: Dem Interesse der Nutzer! Wirft man den Produktiven allzu unersättlich weiter Knüppel zwischen die Beine, zieht die Karawane weiter, zu besseren Seiten. Und Facebook gesellt sich dann zu Myspace, StudiVZ und anderen vergangenen Größen des Internets.

Bild 1 von Die verlassenen Orte
Bild 3 von Sonja Stefan
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