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Brauchen wir Tablets in der Kita?

Sven Krumrey

Sie kennen zweifellos das Wort Telefon – viele Kleinkinder tun dies nicht. Sie kennen nur „Handy“. Dieses Beispiel deutet an, dass Kinder heute in einer anderen, digitaleren Welt aufwachsen. In vielen Ländern gibt es deshalb Initiativen, Kindern schon sehr früh das Verständnis für moderne Technik zu vermitteln. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Kinder in der Welt zurechtkommen, Ökonomen sehen darin einen entscheidenden Faktor für den Erfolg ganzer Volkswirtschaften. Andere Stimmen warnen davor, den Kindern den Zugang zur „echten Welt“ und vielen Erfahrungen zu verbauen, indem sie zu sehr durch moderne Technik geprägt werden. Da stellt sich mir die Frage: Brauchen wir Tablets in Kindertagesstätten?

Wie früh sollten Kinder ans Tablet?

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“, ist ein schönes Sprichwort. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf versucht man schon lange, Kinder früh in den unterschiedlichsten Bereichen zu fördern. Dass heute die Nutzung von Technik eine Kernkompetenz ist, um sozial und beruflich weiterzukommen, ist unbestritten. Ich selbst hatte schon im Grundschulalter Zugang zur der wenigen Technik, die es damals gab, und bin wirklich froh darüber. Es hat in mir die Leidenschaft für (digitale) Technik früh geweckt, mir ein tieferes Verständnis für diesen Bereich geschenkt und sicher auch meine berufliche Laufbahn geebnet. Eine Scheu, dieses Fremdeln vor Neuem hatte ich kaum, dafür eine unbezähmbare Neugier. Doch Kindheit ist mehr, als ein bloßes Fitmachen für die berufliche Zukunft.

Denn Kinder müssen erst einmal die reale Umwelt erleben und verstehen. Das Ausprobieren, das Fühlen, etwas in der Hand halten und auch mal kaputtmachen, ohne diese Erfahrungen fehlt etwas. Die Natur will ebenso erforscht und verstanden werden wie die alltägliche Umgebung. Zudem ist der intensive Umgang mit anderen Kindern und den Erziehern erkenntnisreich und wichtig für die Sozialisation. Es müssen Körper und Koordination weiter geschult werden – und das sollte, glaubt man Kinderärzten, vermehrt geschehen. Weiter ist die sprachliche Ausprägung, die auch in diesem Alter geschieht, ebenfalls ein wichtiger Faktor. Das ist so schon ganz schön viel für ein Kind, oder? Zudem denken viele Forscher, dass sich die Phantasie und die Vorstellungskraft erst entwickeln, wenn das Kind auch Langeweile erfährt und sich eigene Spiele ausdenken muss.

Klassisches Kinderspiel - ganz analog

Kritiker befürchten, dass all das (zumindest teilweise) auf der Strecke bleibt, wenn Kinder zu früh mit den Reizen digitaler Welten in Verbindung kommen. Schaut man sich die Handynutzung von Teenagern in freier Wildbahn an, möchte man dem instinktiv zustimmen. Zudem habe ich mir ein paar digitale Lernspiele für Kleinkinder angeschaut. Vielleicht hatte ich Pech mit meiner Auswahl, aber viel zum Lernen gab es nicht – aber ein recht erhebliches Suchtpotential. Nur etwas Hand-Auge-Koordination war nötig, dafür wurde das Belohnungszentrum im Hirn alle paar Sekunden massiv angesprochen. Alles war knallig bunt, bot zweifellos viele Reize, war aber auch einfacher als im realen Leben. Das Scheitern an der Bastelschere und das sorgsame Bekleben von Papier mit Blättern wirkt daneben eher frustrierend und mühsam.

Viele Erzieher berichten, dass sie gerade Ihren Arbeitsplatz als eine Oase, einen Rückzugssort vor dem Digitalen empfinden. Ein befreundeter Betreuer berichtete mir, allzu häufig würden Eltern ihre Kinder sowieso mit Tablets und iPhone-Spielen ruhigstellen. Das sei weitaus effektiver als Fernsehen, sei ihm von Eltern treuherzig berichtet worden. Gerade diese Kinder seien aber häufig motorisch eher unterentwickelt, unsportlich und würden sich für „reduziertes Spielzeug“ (das klassische Holzspielzeug), was Phantasie erfordere, kaum interessieren. Wenn er in einer Pause kurz auf sein Handy schaue, kämen häufig Kinder angelaufen, um auch einen Blick darauf werfen zu können, ein offensichtliches Suchtphänomen. Nach seiner Meinung ginge es darum, aus Kindern schon früh Konsumenten und Arbeitskräfte zu generieren, damit wolle er nichts zu tun haben.

Früh übt sich

Befürworter möchten hingegen den spielerischen Ansatz für eine frühkindliche Technik-Erziehung nutzen. Die Logik hinter der Technik, Grundarten der Bedienung und der Forscherdrang der Kinder seien schon früh förderbar. Sie wünschen sich „Digital Natives“ (mit digitaler Technik Aufgewachsene), die schon früh die Mittel nutzen, die sie umgeben. Besonders in Asien gibt es Millionen Kinder, die genau so aufwachsen. Bevor sie überhaupt das Schreiben lernen, ist ein routinierter Umgang mit Tablet und Co längst in Fleisch und Blut übergegangen. Auch Ansätze, schon früh z.B. die Arbeitsweise von Algorithmen zu vermitteln oder Grundsätze der Programmierung zu zeigen, werden ausprobiert. Dass diese Kinder dadurch Vorteile in bestimmten Bereichen haben, glaube ich durchaus, doch zu welchem Preis?

Bei aller Technikbegeisterung, bei allen Wünschen der Arbeitgeber, irgendwann die idealen Angestellten zu bekommen, sollte man sich gründlichst überlegen, was man so alles in eine Kindheit stopfen kann. Was fällt hintenüber, wenn wir weitere, digitale Inhalte hinzufügen? Ich halte nichts davon, die Vision einer Gesellschaft zu zeichnen, in der alle Altersgruppen nur noch auf einen Bildschirm starren. Das kann passieren – wird sich aber nicht in der Früherziehung entscheiden. Wichtiger ist der Gedanke, was wir von Kindern fordern können, ohne dass Kreativität, Unbekümmertheit und Spaß an der Gemeinschaft mit andern leiden. Und wir sollten dabei nicht vergessen, dass zufriedene Menschen nicht von ihrer produktiven Kindheit erzählen – sondern von einer glücklichen.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Sehe ich das Thema zu kritisch?

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