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Überwachung durch Technik: China

Sven Krumrey

Redet man vom Phänomen des Überwachungsstaats, ist China immer gleich ein Thema. Wie nirgendwo auf der Welt nutzt man hier modernste Technik, um die ca. 1,4 Milliarden Mitbürger im Auge zu behalten. Dabei ist die Zensur aller Medien (auch des Internets) ein alter Hut, mittlerweile rücken immer mehr die Gesichtserkennung, die Stimmanalyse und die Bündelung aller Daten zu einem "Social Credit System" in den Mittelpunkt. Ein Blick in ein überwachtes Land.

Überwachung made in China

Sie kennen bestimmt die Schufa, die Auskunft über die Kreditwürdigkeit eines Menschen gibt. Aber können Sie sich vorstellen, dass in einer Datenbank auch steht, ob die Person bei Rot über die Ampel gefahren, ehrenamtlich tätig ist oder sich besonders in der Partei engagiert? Dazu benötigt es schon etwas Phantasie, wenn man nicht gerade in Rongcheng (China) lebt. Dort probt man gerade einen Bürgerscore, eine Art Erfassung des Menschen in Zahlenform. Jeder geht mit 1000 Punkten ins Rennen und gewinnt oder verliert durch sein Handeln Punkte. Damit diese Erfassung auch gelingt, muss massiv Technik aufgewendet werden. Neben der Verknüpfung sämtlicher Datenbanken (Kreditverhalten, Vorstrafen, Mitgliedschaften in Partei und Verbänden, etc.) sind auch Kameras mit entsprechender Gesichtserkennung zentraler Bestandteil. Wer geht vorbei, wenn jemand verletzt Hilfe braucht oder schmeißt seinen Abfall auf die Straße? Tausende Kameras registrieren es. Wo es unter Mao noch Personalakten gab, reicht heute ein Datensatz mit entsprechender Punktzahl.

Die praktische Umsetzung ist einfach: Wer seine Eltern finanziell unterstützt, bekommt Pluspunkte. Fährt man hingegen betrunken durch die Straßen, geht es gleich ins Minus. Bei 1300 Punkten bekommt man die Güteklasse AAA und damit jede Menge Vergünstigungen. Heizung oder Wasser werden günstiger, man muss keine Kautionen mehr hinterlegen, die Reisefreiheit wird erleichtert. Kommt man in die Miesen (z.B. mit 600 Punkten in die Stufe C), findet man nur schwer einen Job, wird man kaum befördert und kann keine Flüge buchen. Wer dieser Stufe entfliehen will, muss Gutes tun und sei es, zuerst seine Schulden zu bezahlen. Welche Daten alle integriert werden sollen, steht noch zur Diskussion. Möglicherweise spielt auch eine Rolle, mit wem man befreundet ist. Zu viele „zwielichtige“ Kontakte im Adressbuch könnten schon ein paar Punkte kosten. Auch das Verhalten im Internet wird nachgehalten, wie benimmt man sich im Netz, wo äußert man sich so kritisch, dass Kommentare zensiert werden? Wo stellt man gar die Partei in Frage? Der Punkteverlust würde nicht lange auf sich warten lassen!

Der Punktestand könnte zu einem zentralen Statussymbol werden. Zu welcher Schule können die Kinder? Bekommt man einen Kredit oder eine gute Wohnung? Der Druck erreicht jeden Einzelnen, auch im Job. Wie sinkt der Score, wenn das eigene Restaurant nicht sauber ist? Was passiert, wenn sich Kunden beschweren oder jemand sein Geld für eine Dienstleistung zurück will? Wer aber hier nur die Kontrolle durch eine Partei sieht, verpasst eine weitere Dimension. Es scheint, als wenn China auch eine Art Bürgersinn schaffen will, mit mehr oder minder sanftem Druck natürlich. Das Einhalten der Verkehrsregeln bildet hier den Anfang (ein Freund wurde wie entgeistert angestarrt, als er in China an einem Zebrastreifen anhielt), aber auch gegenseitige Rücksichtnahme und gutes Benehmen sind hier Ziele. Viele Chinesen sehen das Miteinander selbst als verbesserungswürdig an und begrüßen entsprechende Entwicklungen. Dass dabei durch Kameras, Analysen bei Telefonaten und das grenzenlose Sammeln von Daten die Privatsphäre zerstört wird, wird zumeist gelassen hingenommen, man hatte vorher ja auch fast keine.

Gesichtserkennung - zentraler Bestandteil der modernen Überwachung Gesichtserkennung - zentraler Bestandteil der modernen Überwachung

Gesichtserkennung und künstliche Intelligenz sollen nun auch den Schulunterricht erobern. In einem Pilotprojekt einer weiterführenden Schule in Hangzhou hat jeder Lehrer nun drei weitere Aufseher an seiner Seite. Kameras, die oberhalb der Tafel angebracht sind, beobachten die Schüler. Eine spezielle Software verarbeitet die eingefangenen Bilder und analysiert die Gesichtsausdrücke. Ist der Gesichtsausdruck positiv oder neutral, bleibt das System stumm. Ist das Kind sichtlich gelangweilt, unglücklich oder desinteressiert, gibt es Alarm. Besonders in großen Klassen erhofft man sich so einen besseren Überblick darüber, welche Schüler dem Unterricht aktiv folgen. Erste Erfolge wurden bereits berichtet und die Schüler trauen sich demnach nun nicht mehr, desinteressiert zu schauen. Ob die Schüler der Unterricht deshalb mehr interessiert oder die Kinder nur maskenhaft fasziniert auf ihren Stühlen hocken, ist nicht überliefert. Ich frage mich nur, wie wohl die Eltern im Westen reagieren würden: Würde man zuerst die Lehrer teeren und federn und dann die Schule anzünden – oder umgekehrt?

Ich kann nicht verstehen, wie ein Volk all das akzeptieren kann. Ein guter Grund, meinen alten Studienkollegen Lian* anzurufen, der als Chinese seit Jahrzehnten zwischen den Welten pendelt. Lian* betont zuerst sehr vorsichtig, dass er nicht für alle Chinesen sprechen könne und sowieso schon „halber Deutscher“ sei, äußert sich dann aber doch. Mir ist bewusst, dass hier viele Bereiche nur angerissen werden und ich kann mich nicht für die Richtigkeit aller Aussagen verbürgen. Dennoch finde ich seine Ansichten lesenswert. Hier eine (sprachlich überarbeitete) Auswahl aus 80 Minuten Gespräch:

„Dieses Thema ist extrem komplex, eigentlich müsste man eine Zeit in China gelebt haben, um es zu verstehen. Ich glaube, die meisten Menschen streben gerade nach drei Dingen: Stabilität, Sicherheit, Wohlstand. Steht eine Politik für diese Richtung, wird der Rest akzeptiert. Vergiss nicht, wo wir her kommen, auch wenn wir nicht gerne darüber sprechen: Aus der Generation meiner Großeltern und Eltern sind viele durch Hunger, Kriege und politische Unruhen umgekommen, viele habe ich nie kennenlernen dürfen. Wenn man die letzten 100 Jahre betrachtet: Zuerst die Republik China, dann die junge Volksrepublik mit der Mao-Zedong-Ära, in der Millionen starben, da ging es oft ums Überleben und niemand wusste, was morgen sein würde. Es ist damals viel kaputt gegangen, sowohl zwischen den Menschen, als auch zwischen Volk und Regierung. Heute sind wir Wirtschaftsmacht, Militärmacht und stolz auf das Erreichte. Sicher gibt es noch Armut und auch Korruption, aber es wird besser, es gibt Konstanten in unserem Leben. Es herrscht einfach das Gefühl vor, dass wir gemeinsam alles erreichen können, wenn wir hart arbeiten, unsere Möglichkeiten ausschöpfen und intern Ruhe bewahren. Und für viele ist es schon aufwärts gegangen. Meine Eltern konnten letztes Jahr eine Europa-Reise machen, Wien, London und Paris ansehen, davon hatten sie vor 30 Jahren nicht mal geträumt!

Der große Traum: Urlaub im Westen

Die Freiheit, von der Ihr immer redet, steht bei uns nicht als Selbstzweck im Mittelpunkt. Sie kommt erst, wenn eine gewisse Ordnung herrscht und die gesellschaftlichen Bedingungen stimmen. Welche Freiheit hat man, wenn Chaos und Hunger herrschen? Und die Freiheit ist nicht grenzenlos, sondern innerhalb eines gesellschaftlichen Rahmens. Sie sollte die Ordnung nicht stören. Die konfuzianische Soziallehre und Ordnungstradition ist auch anders, was Macht und Kontrolle angeht. Solange die Herrschenden im Sinne des Volkes handeln, sollte das Volk sich nicht beschweren, fertig. Geht es dem Volk gut, hat die Führung großen Handlungsspielraum, die Beziehung sollte aber harmonisch sein. Es wird nicht gerne gesehen, wenn man diese Harmonie stört, von der Partei nicht, aber auch nicht von der Mehrheit des Volkes.

Ihr seht Euch mehr als Einzelkämpfer, bei uns geht es um das Volk und was das Individuum zum Wohle seiner Mitmenschen beisteuert. Was kann ein Mensch mit seinen Möglichkeiten, mit seinem Beruf und seinen Talenten dem Volk geben? Wie verhält sich ein Mensch gegenüber seinen Eltern, bezahlt er seine Rechnungen, befolgt er das Gesetz, ist er hilfsbereit? All das will man in diesem Score [Lian* meint das "Social Credit System"] vereinen, um jene zu belohnen, die in diesem Sinne handeln. Das ist sicher eine Erziehungsmaßnahme, bietet aber auch den Menschen mehr Sicherheit, denn sie wissen, wen sie vor sich haben. Ich würde meine Tochter auch lieber einen Mann heiraten lassen, der hier ein Vorbild ist. Wer einen anderen Weg gehen will und sich widersetzt, wird schnell die Folgen bemerken. Aber er bekommt auch die Chance, sich zu ändern. Das ist besser, als wenn man erst Fehler um Fehler begeht und dann ins Gefängnis muss.

Auch in dieser Menge bleibt niemand mehr unerkannt Auch in dieser Menge bleibt niemand mehr unerkannt

Ähnlich ist es auch mit der Verbrechensbekämpfung. Bei Euch sind mache Verbrecher fast schon Stars, man schreibt Bücher über sie oder druckt T-Shirts davon. Das verstehe ich nicht und das wäre in China undenkbar. Das sind keine guten Menschen. Ein Beispiel: Kürzlich haben Beamte einen Verbrecher durch Gesichtserkennung in einem Konzert unter 50000 Zuschauern identifiziert, das ging hier auch durch die westlichen Medien. Obwohl Ihr ja meint, dass wir alle gleich aussehen. [Lacht.] Viele haben dies gefeiert, weil sie meinten, dass sich nun niemand mehr in der Masse verstecken könne. Wer will schon neben einem Verbrecher im Publikum stehen? In Japan hat man eine geringe Verbrechensrate, auch weil die Verbrecher davon ausgehen, erwischt zu werden. Ähnliches könnte man auch mit der Überwachung in China umsetzen. Jeder wüsste: Sie finden das sowieso heraus, also verhalte Dich gut, dann bekommst Du keine Probleme. Vielleicht kann man sonst ein Volk, das so groß ist, nicht unter Kontrolle behalten.

Auch bei der Bildung gehen wirtschaftliche Interessen mit Konfuzius Hand in Hand. Nach seiner Lehre kann sich ein Mensch nur durch Bildung entfalten, zu etwas Besserem entwickeln. Früher war es revolutionär, weil er damit wirklich jeden Menschen meinte, nicht nur die Reichen und Mächtigen. Natürlich braucht auch die Wirtschaft möglichst gut geschulte Arbeiter, also wird intensiv gepaukt und auch viel auswendig gelernt. Auch die Überwachung durch Kameras passt da: Wenn Kinder gelangweilt oder abgelenkt sind, stimmt etwas nicht. Also muss der Schüler ermahnt werden und sich der Lehrer hinterfragen, ob er etwas verbessern kann. Nur so kann der Unterricht optimal verlaufen. Im Endeffekt sind die Kameras nur zusätzliche Augen des Lehrers.“

Etwas nachdenklich legte ich den Hörer auf. Ganz zum Kern bin ich gefühlt nicht durchgedrungen, aber ich kann verstehen, dass mein Gesprächspartner eher defensiv argumentiert hat. Die unterschiedlichen Mentalitäten sind halt schwer überwindbar. Aber ich möchte zu gerne wissen, wie Sie darüber denken. Können Sie Lians* Gedanken nachvollziehen?

*Name auf Wunsch geändert

Bitte sehen Sie es mir nach, falls Kommentare erst am Montag freigeschaltet / beantwortet werden. In meiner Heimatstadt ist Hafenfest bei Kaiserwetter und ich werde wohl weitgehend offline sein.

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