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Microsoft Bob – Der große Flop

Sven Krumrey

Wer schon länger dabei ist, erinnert sich an viele große Momente von Microsoft. Aber wer erinnert sich noch an Microsoft Bob? Es war März 1995, Windows 3.1(1) lief auf den meisten PCs und machte es Anfängern nicht gerade einfach, sich heimisch am Rechner zu fühlen. Allzu karg waren die Oberflächen, zu abstrakt die Icons. So schaltete sich sogar Melinda Gates, Ehefrau von Bill, als Produktmanagerin in das Projekt Bob ein. Vielleicht baute man auch im Gates-Domizil schon einen weiteren Geldspeicher für kommende Einnahmen. Doch es kam ganz anders! Kommen Sie mit auf eine kleine Zeitreise, in der große Erwartungen nicht erfüllt wurden, gelbe Hunde ihr Unwesen trieben und der Computer zum gruseligen Wohnzimmer wurde.

Die unvergleichliche Microsoft Bob-Optik

Windows 3.1(1) war wirklich keine Schönheit. Eine Startleiste gab es nicht, die Dateiverwaltung war ein Graus und Abstürze eher die Regel als Ausnahme. Trotzdem verkaufte es sich extrem gut, viele Millionen Disketten gingen damals über die Ladentheke. Dennoch bemerkte Microsoft, dass viele Nutzer mit dem Betriebssystem nicht warm wurden und einen eher intuitiveren, vielleicht menschlicheren Zugang suchten. So entstand die Vision einer anderen Oberfläche, mit Gegenständen, die Windows-Nutzer schon aus ihrem Alltag kannten – Microsoft Bob war geboren.Neben Melinda Gates holte man sich die hochkarätige Unterstützung zweier Professoren der Stanford Universität, die Bob noch intuitiver und übersichtlicher gestalten wollten. Es wurde – merkwürdig. Schon das Logo (ein Smiley mit dicker Brille) war eher kauzig, als sympathisch, die Systemvoraussetzungen hatten es in sich (486er Prozessor und 8 Megabyte RAM waren damals üppig) und satte 100 Dollar für ein Zusatzprogramm wollte sich auch nicht jeder leisten.

Was sollte Bob werden? Bob sollte den Windows 3.1. Desktop ersetzen. Wo man sich vorher durch dürre Menüs klicken musste, sollte Bob die wohlige Atmosphäre eines Wohnzimmers versprühen – und dabei Zugriff auf alle wichtigen Programme bieten. Microsoft war so überzeugt von dem kommenden Geldregen, dass man bereits weitere Programme plante, die auf Bob aufsetzen sollten. Als Bob dann erschien, hagelte es zumeist Kritik. Die einen kritisierten, dass die Nutzer mit Bob nicht mehr genug über den Computer und dessen Nutzung lernten. Ein Computer ohne Bob wäre dann kaum zu bedienen. Die anderen lobten den Ansatz eines benutzerfreundlichen Desktops – aber nicht dessen Ausführung! Schon bei ersten Tests stürzte das Programm ab und zerschoss sich dabei irreparabel seine Dateien. Was aber sahen die Kunden?

Schon der erste Besuch im virtuellen Wohnzimmer war gewöhnungsbedürftig. Ein gelber Hund namens Rover, der zudem eine echte Plaudertasche war, nahm den Nutzer ins Kreuzverhör. Was es an persönlichen Daten gab, Rover wollte er wissen, um die Informationen später für Briefe, Kalender, Adressbücher, etc. nutzen zu können. Betrat man dann „sein Zimmer“ (also den Bob-Desktop) bot Rover scheinbar großzügig eine Tour durchs Zimmer an. Wer hier auf „Ja“ klickte, bereute es sofort! Statt eines netten, interaktiven Tutorials gab es Textbox um Textbox um Textbox. Rover hielt einen Vortrag und man hatte das gefühlt unendliche, höchst zweifelhafte Lesevergnügen, seinem Monolog folgen zu müssen. Das Schlimmste – Rover war nicht allein. Ein etwas bedrogt aussehendes Glühwürmchen, eine übergewichtige Ratte mit Gitarre, ein Koffeinjunkie-Dino namens Java und ein namenloser Unsichtbarer trieben in MS Bob ebenso ihr Unwesen. Es war wirklich so befremdlich, wie es klingt, glauben Sie mir.

Ein Programm für Kinder mit Interesse für Finanzplanung

Das Bob-Wohnzimmer war im damalig üblichen Cartoon-Stil (für realistische Bilder fehlte es an Speicherplatz, Auflösung und Grafik-Power) und zeigte einen Wohnraum, den man praktisch vom Schreibtisch aus sah. Hinter Gegenständen wie Kalender, Briefen, einer Uhr, ein Organizer und vielen anderen waren per Klick die passenden Funktionen aufrufbar. Bob hatte eine Menge Funktionen dabei, die in Windows 3.1 nicht alle enthalten waren, so einen Finanzberater, Haushaltsmanager, einen E-Mail-Clienten, das GeoSafari Quiz, ein Schreibprogramm, einen Kalender und das Adressbuch. Dabei stellen Sie sich bitte keine Programme auf heutigem Niveau vor, häufig war es nur Software, womit man Listen anlegen konnte, die an Urversionen von Excel erinnern. Wer sich länger in Bob aufhielt, lernte noch zwei Sachen intensiv kennen – Fehlermeldungen und Bluescreens!

Von Zynikern „Absturz-Generator“ genannt, war das Programm nicht sonderlich intensiv getestet worden, man war nie sicher vor dem nächsten Crash. Und war Bob abgestürzt – verlangte die Software meistens eine Neuinstallation! Ich weiß nicht, wie viele Flüche und Schreie MS Bob verursacht hat, es werden nicht wenige gewesen sein. Wollte man die Mail-Funktion nutzen, musste man bei einem bestimmten Service angemeldet sein, sonst blieb die Software sinnlos. Super. Dafür war das Schreibprogramm durchaus nutzbar, hier zeigte Microsoft schon in Ansätzen, welche Vorlagen, Hilfsmittel und Serienbrief-Funktionen man in Word später verwirklichen wollte. Beim Adressbuch überkam der nächste Fluch in Form eines Assistenten den Nutzer. „Lexi“ erklärte in epischer Breite alles, was man mit Adressbuch machen kann und mit einem IQ von Raumtemperatur auch so herausgefunden hätte. Natürlich versuchte Lexi auch während der Nutzung zu helfen und hatte eine Trefferquote von vielleicht 20% an sinnvollen Beiträgen.

Neben den ganzen Fehlern war das Programm sehr inkonsistent. Für wen war das Programm gedacht? Die ganze Handhabung von Bob, die Assistenten waren seltsam kindgerecht, doch was sollten die mit einem Finanzberater oder Haushaltsmanager? Und welches Kind hatte einen so potenten Rechner? Die Erwachsenen unter den PC-Nutzern wollten sich aber den Rechner nicht von adipösen Nagern erklären lassen, was ich bis heute noch bestens verstehe. Etwas verwirrend war zudem, dass jede Menge Gegenstände keine Funktion hatten, sie waren einfach Deko. So fühlte sich der Nutzer zuweilen wie in einem Suchbild. Besondere Bekanntheit erwarb die Lavalampe, die wohl jeder Nutzer einmal erwartungsvoll angeklickt hat, die aber nur in einer kleinen Box verkündete, Deko zu sein. Schade. Dafür konnte man Links auf weitere Programme, die man installiert hatte, in das Bob-Wohnzimmer verfrachten. Dort verblieben sie dann auch bis zum nächsten Crash mit folgender Neuinstallation.

Viele Stunden Lesevergnügen

MS Bob war in den Computerzeitschriften häufig Ziel von Hohn und Spott. Auch die Käufer zierten sich, das in seiner Entwicklung so teure Programm lag wie Blei in den Regalen. Als kurz danach Windows 95 erschien, musste auch Microsoft einsehen, dass Bobs Ende gekommen war. Die Windows-Fans erfreuten sich an einer weitaus benutzerfreundlichen Oberfläche, Hintergrundbildern und einem völlig neuen Windows-Gefühl, niemand brauchte mehr Bob. So blieb es bei ca. 30000 verkauften Einheiten, für Microsoft ein fast epochaler Flop.

Und falls Ihnen der gelbe Hund bekannt vorkommt, das Erbe von MS Bob hat es ebenso in sich! Rover fand den Weg in den Windows Explorer von Windows 95, Karl Klammer (eigentlich Clippit) von Microsoft Word soll ebenfalls aus dem Bob-Fundus stammen, auch wenn er dort nicht auftauchte. Zudem wurde die wohl umstrittenste Schriftart der Microsoft-Geschichte für Bob designt: Comic Sans. Diese Schrift, bei Grafikern und Font-Ästheten so beliebt wie ein Blinddarmdurchbruch zu Weihnachten, sollte Rovers Freundlichkeit symbolisieren. Ins Programm gelangte die Schrift nie, dafür wanderte sie später in MS Word und wurde zum Symbol für den schlechten Geschmack mancher Microsoft-Designer.

Was mich brennend interessiert: Haben Sie MS Bob je genutzt? Interessieren Sie weitere Flops der Softwaregeschichte?

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