LIFE

Die Rückkehr des Frickelns

Sven Krumrey

Kürzlich war ein etwas betagter Windows-Rechner bei mir in Ungnade gefallen. Seit irgendeinem Update mochte sein Netzwerk sich nicht mehr verbinden, ohne dass ich ihm jeweils einen Neustart spendieren musste. Das ärgerte mich, also vergrub ich mich in etwas, was ich lange nicht mehr getan hatte: Frickeln. Sie kennen Frickeln nicht? Dadurch wurde ich Informatiker! Eine kleine Ode auf Blut, Schweiß, Tränen und die kleinen Erfolge.

Das zähe Ringen mit Hard- und Software

In meinem Studentenwohnheim galt ich wider Willen schnell als der Mann für schwierige Computer-Probleme. Dabei war ich fachfremd und bestenfalls eher hartnäckig als kompetent zu nennen. Klopfte es an der Tür und ich erwartete keinen Besuch, so war es häufig ein lieber Kommilitone mit einem kränkelnden Windows NT oder Windows 95. So bunt gemischt die Nationalitäten waren, so waren es auch die Sprachen, Hardware und Programme. Egal, ob frühe Office-Versionen, Drucker, wild flackernde NoName-Monitore, jedes Problem brachte mir etwas Neues, was ich nicht kannte und auch nicht verstand. Da das Internet noch nicht bei uns verfügbar war, kaufte ich PC-Zeitschriften in Massen. Es fanden sich darin massive Beiträge mit Lösungsansätzen, Optimierungs-Möglichkeiten und Tuning-Anleitungen. Lief dann der Rechner wieder rund, gab es zur Belohnung ein, zwei Bier in der Heimbar dafür. Es wurden viele Biere.

Im Foyer der Mensa tummelten sich die Buchhändler und eröffneten eine weitere Recherche-Front: Windows-Bücher. Ob ganz nüchtern wissenschaftlich orientiert oder bunte Ausgaben voller Problemlösungen und wilder Ideen, bald war ein Regalmeter mit solchen Publikationen gefüllt. Besonders angetan hatte es mir der Nickles PC-Report, dicke rote Bücher randvoll mit Tipps und Tricks rund um Windows, die jährlich erschienen. Jede Ausgabe war spannend wie ein Roman für mich, ließ mich mit zahlreichen Aha-Momenten zurück und verband all die kleinen, isolierten Erkenntnisse zu einem großen Ganzen. Ebenso lernte ich an der Uni Menschen kennen, die mit ähnlichen Problemen kämpften und übernahm den Begriff für das zähe Ringen mit Hard- und Software: Frickeln. Dieses kleinteilige Arbeiten mit schlauem Try and Error, der Kampf mit schlechten Treibern und Windows´ klaffenden Lücken ließ sich kaum besser beschreiben. Irgendwo in den Tiefen der Einstellungen, der Registry und der Start-Konfiguration musste sich doch die Lösung verstecken! Versuchte ich meiner damaligen Freundin zu erzählen, womit ich gerade 4 Stunden verbracht hatte, erntete ich nur ein Schulterzucken, selbstverständlich vollkommen zurecht.

Fehlersuche zwischen Gemütlichkeit und Frust

Natürlich gab es auch einen grenzenlosen Schrecken, den vorwurfsvollen Anruf. „Du hast doch vor 3 Jahren meinen Rechner installiert, der fährt jetzt nicht hoch.“ Nicht ausgesprochen wurde, wie enttäuscht man nun von mir sei und welche Zweifel man fortan an meiner fachlichen Kompetenz hegte. Ob Windows muckte, Festplatten den Geist aufgaben oder Netzteile abrauchten, irgendwie musste doch ein kausaler Zusammenhang zu meinem Handeln bestehen! Hatte ich damals das minimale Budget bei der Kaufberatung vielleicht nicht weise genutzt? Hatte gar meine Installation eines Modems nur 1 ½ Jahre später die gesamte Systemstabilität zum Einsturz gebracht? Wie kann eine Festplatte überhaupt kaputt gehen, wenn nicht durch pures menschliches Versagen? Es konnte doch nicht an tausend Betriebsstunden, den zahlreichen Installationen und zwei Umzügen liegen, die man seitdem getätigt hatte! Man lernt in einer solchen Situation sehr viel über den Charakter eines Menschen und den eigenen Langmut! Meistens waren die gefühlten Katastrophen keine, Netzteile ließen sich ersetzen, Windows retten und es herrschte wieder Frieden. Bei manchen aber blieb durchaus eine kleine menschliche Enttäuschung zurück.

Nach meinem Studium arbeitete ich eine Zeit in einer Versicherung und traf meine Nemesis. Wie Sherlock Holmes seinen Professor Moriarty hatte, erwischte mich der Billig-Rechner des Herrn D. eiskalt. Herr D. war ein Vorgesetzter von mir, dazu ein sehr netter und hatte nur ein Problem: Stets fühlte er einen Igel in der Tasche. Er war weithin bekannt als massiver Sparfuchs, am liebsten hätte er bei seinem Rechnerkauf noch Geld zurück bekommen. Also kaufte er irgendwo ein Komplettsystem mit lauter Komponenten, die weder untereinander, noch mit Windows harmonierten. Keine Ahnung, welcher dubiose Versand ihm das Gerät verkauft hatte, man lud damit schwere persönliche Schuld auf sich. Der Gerätemanager ähnelte einem Schlachtfeld unerkannter Geräte und wenn Windows überhaupt startete, war ein besonders guter Tag. Es wurden Wochen des Frickelns. Immer wieder neue Treiber, neue Ansätze, Recherche, was vorne aufgebaut wurde, purzelte hinten wieder in sich zusammen. Abends saß ich noch vor den Büchern, machte mir Notizen und probierte es am nächsten Tag sofort aus. Mit Tee, Gebäck und hoffnungsvollem Blick saß Herr D. neben mir, nickte verständnisvoll und munterte mich stets auf. Wochen vergingen, die Zuversicht schwand, doch irgendwann passte alles. Der Gerätemanager war ohne Makel, alle angeschlossenen Geräte liefen, selbst Spiele ließen sich klaglos installieren und starten. Herr D. drückte mir warm die Hand und gab mir einen Zehnmarkschein, das war sein persönlicher Ritterschlag. Vom Erfolg wie betäubt ging ich zur U-Bahn und fuhr nach Hause.

Ein bedeutender Teil meines Studiums zusammengefasst in einem Bild Ein bedeutender Teil meines Studiums zusammengefasst in einem Bild

Mit dem Internet wurde vieles einfacher und auch internationaler. Wo man auch auf der Welt saß, ein Bluescreen blieb ein Bluescreen und so plauderte ich bald in Foren mit Finnen, US-Amerikanern und Südafrikanern über die digitalen Herausforderungen des Alltags. Es entstanden Freundschaften, man teilte sein Leid, wenn der zehnte Versuch keine Lösung brachte und brachte Tipps und Wissen unter die Menschen. Manche wurden als Kenner bestimmter Fachbereiche zu kleinen Foren-Legenden und erhielten Namen wie „Treiber-Joe“ oder „Mainboard-Manfred“. Jede neue Windows-Version ließ Foren und Probleme förmlich explodieren, bis irgendwann, es muss um Windows 7 gewesen sein, zunehmend Ruhe einkehrte. Ja, es gab immer noch Ungereimtheiten, Hardwareanbieter schossen einen Bock oder ein Update missglückte, aber die große Zeit des Frickelns nahm ein stilles Ende. Foren verwaisten, denn meistens funktionierte es doch, wenn man eine Hardware anschloss, seine digitalen Fotos importieren wollte oder einen zweiten Monitor nutzte. Handys wurden der neue Abenteuerspielplatz, wo noch vieles ungeordnet und leicht chaotisch programmiert wurde. Windows regelte hingegen, Standards setzten sich durch und die großen Hardware-Experimente, wie z.B. das Übertakten von Prozessoren, waren auch vorbei. Und da man Fehlersuche und bittere Flüche nachts um 4 Uhr kaum vermisst, dachte man nicht groß darüber nach.

Als mein Rechner sich im Jahre 2022 nicht mit dem Netzwerk verbinden wollte, kehrte ein Teil dieser vergessenen Welt wieder zurück. Ich fand sogar ein paar der alten Foren wieder und freute mich, noch immer ein paar vertrauter Pseudonyme zu sehen. Das Problem selbst ließ sich ebenfalls lösen, mein betagter Rechner war nicht für den Schnellstart von Windows geeignet, der sich über ein Update eingeschlichen hatte. Ganz in nostalgischer Frickel-Stimmung, habe ich mir ein dickes Windows-Buch mit Tipps und Tricks bestellt, der Herbst kommt!

Was mich interessieren würde: Haben Sie auch schon Stunden über Windows-Problemen gegrübelt? Helfen Sie gar anderen mit dem Computer? Und packt auch Sie der Jagdinstinkt, wenn Fehler auftreten?

Bild 1: Photo by JESHOOTS.COM on Unsplash
Bild 2: Photo by Vladyslav Bahara on Unsplash
Bild 3: Photo by Tim Gouw on Unsplash
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