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LIFE

Der Kampf ums Überleben

Sven Krumrey

Jeder nutzt wohl kostenlose, werbefinanzierte Dienste im Internet. Ob man sich eine E-Mail-Adresse einrichtet, die Sport-Ergebnisse oder aktuelle News anschaut, die Werbung ist dabei. Das sollte eigentlich auch kein Problem sein, es ist ein Geben und Nehmen und niemand stellt einen aufwändigen Dienst nur aus reiner Menschenliebe ins Netz. Aber grau ist alle Theorie, wenn es an einem fehlt: Gesunder Menschenverstand. Und das heißt in diesem Fall, dass die Werbung verträglich dosiert werden muss.

Werbung kann nerven

Das klappt natürlich nicht. Gäbe es genug schlaue Menschen, die Welt wäre eine andere. Wer jemals versucht hat, eine total mit Werbung überfrachtete Seite zu betrachtet, kennt das kalte Grausen. Denn das Zucken, Zappeln und Aufpoppen ist unbeschreiblich. Ist man eher auf Profi-Seiten unterwegs, hält es sich noch in den geforderten Grenzen. Man sieht etwas Werbung am Rand oder gediegen eingebettet zwischen den Texten, damit kann man leben.

Kommen Sie aber auf Seiten, die jenseits der etablierten Medien und Dienste existieren, öffnet sich oftmals die Büchse der Pandora. Mehr Brüste, als Facebook in einem Jahr löschen muss, Werbung für illegale Downloads und die unvermeidlichen Potenzmittel. Ganz schlimm sind auch Ebenen, die sich komplett über die Inhalte legen und nur mit einem mikroskopischen Schließen-Button einklappen lassen. Unschön, wenn man eigentlich nach Musik-Tipps in einem Forum sucht, jedoch per Werbung „reife, füllige Frauen aus der Nachbarschaft“ ihre Vorzüge bildfüllend anpreisen - und in dem Moment die Freundin hinein kommt. Dann herrscht plötzlich akuter Klärungsbedarf.

Der Frosch lächelt - der Betrachter weniger...

Ganz schlimm sind auch die Tracking Cookies und ihre angeblich personalisierte Werbung. Nachdem ich ein einziges Mal ein historisches Buch gekauft hatte, war ich für den Cookie ein Nazi ohne Wenn und Aber. Von Filmen über aufregende Luftschlachten bis hin zu Tassen mit berühmten Panzer-Kommandanten war alles im Angebot. Also den Cookie gelöscht, etwas für die holde Weiblichkeit gesucht und schon wurde ich mit Schuhen, klobigen Handtaschen und grässlichen Ohrringen erschlagen. Tipp: Auch wenn Ihr Zelt kaputt ist - suchen Sie nicht nach Latex, das hat Folgen! Was ist noch ärgerlicher? Interaktive Werbung! Ein grauslicher Frosch, der mir Handys verkaufen wollte, folgte mit seinen Alien-Augen jeder Mausbewegung - da kann in auch robusteren Charakteren der Verfolgungswahn ausbrechen. Während die Maus gedankenlos beim Lesen wanderte, wurde ein Weihnachtsmann reanimiert, der mich auf die Vorzüge von Kreditkarten hinwies und sogar ein markiges Hohoho! aus meinen Lautsprechern erklingen ließ. Im Juli. Nach 5 Minuten hat man genug.

So unterhaltsam es sich anhören mag, so macht Surfen einfach keinen Spaß. Abgesehen davon, dass es auf Handys und Tablets erheblich ins Geld gehen kann, denn auch die Werbung will geladen werden und verbraucht Ihr Kontingent fleißig mit. Zudem ist Werbung auf Handy und Co doppelt ärgerlich, denn häufig befindet sich der Schließen-Button außerhalb des sichtbaren Bereichs und es dauert ewig, bis sich die Seite aufbaut. Also installiert man einen Werbeblocker wie Adblocker und Co, damit endlich Ruhe herrscht. Die Seiten sehen nun aufgeräumt bis karg aus und lassen sich bei mobilem Internet schneller laden, alles gut. Endlich Frieden!

Friede - jedenfalls auf dem Bildschirm

Aber nur für den Moment, denn so werden viele Seiten nicht lange existieren können. Viele der kleineren Seiten, die uns Wissenswertes, Unterhaltsames oder Lustiges bieten, kämpfen um das Überleben. Wenn man Zeit, Leidenschaft und Geld in ein Projekt steckt, möchte man nicht mit leeren Händen oder gar einem Minus da stehen. Damit würde viel Unsinn wegfallen - aber auch viele Seiten, die ich nicht missen möchte! Sicher ist das Problem nicht neu, aber die Anzahl der Nutzer von Werbeblockern steigt rapide an - und damit die Anzahl der nicht mehr gezeigten Werbeblöcke. Jede gezeigte Anzeige bringt aber für den Betreiber einen kleinen Betrag, wenn Sie gar darauf klicken, ist es einiges mehr. Im Klartext: Ohne angezeigte Werbung wird das Internet in der Zukunft anders aussehen. Karger. Ob es um Zeitungen geht, die im Internet Inhalte anbieten oder praktische Dienstleistungen, irgendwie müssen sie sich finanzieren.

Wie kann man also jenen helfen, die es wirklich verdient haben? Ich mache mir die Mühe, bei solchen Seiten Werbung zuzulassen. Jeder Werbeblocker hat eine solche Option, ob sie nun „auf dieser Seite Werbung zulassen“ oder „Adblock auf dieser Seite deaktivieren“ heißt. Es ist eine Einzelfall-Entscheidung, aber eine wichtige. Tolle Seiten brauchen unsere Unterstützung, es ist wirklich nicht schwer, dafür zwei Klicks zu investieren. Daher heißt es bei mir: Wer mir etwas Gutes bietet, dessen Werbung kommt auch auf meinen Schirm. Aber keine grauslichen Frösche.

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