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Wie ein Hündchen an der Leine: Das Amazon Fire HD 8 (2017) Tablet im Test

Sven Krumrey

Kürzlich lief mir ein Angebot über den Weg, bei dem ich nicht wegschauen konnte. Das Amazon Fire HD 8 wurde am „Prime Day“ (eine Art Feiertag für Amazon) in der kleinen Variante für knapp 60 € verkauft. Grund genug, dem Tablet mal eine Chance zu geben – man hat ja sonst nichts zu tun im Urlaub. Meine Überlegung dahinter war: Für den Preis kann man kein High End-Produkt erwarten, eine unbrauchbare Gurke wird der Hersteller unter eigenem Banner jedoch auch nicht verkaufen. Spannend!

Optisch nichts Besonderes, aber solide verarbeitet

Der erste Eindruck ist durchweg solide. Acht Zoll groß, Glas und z.T. angerautes Plastik rundum, etwas unter einem Zentimeter dick und ca. 370 Gramm schwer. Die Auflösung ist mit 1280 x 800 Bildpunkten nicht rekordverdächtig (manch kleineres Handy hat da mehr), der Sound kommt aus zwei Boxen an der Längsseite des Tablets, die Verarbeitung ist makellos. Darin sind u.a. ein Quadcore-SoC MediaTek MT8163, ARM Mali T720 MP3 als Grafikeinheit und 1,5 GB RAM Arbeitsspeicher – das steht eher für Energiesparen, als für ungezügelte Power. In meiner Minimal-Version stehen 16 GB Speicher bereit, von denen man 11 GB frei nutzen kann. SD-Karten bis 256 GB können aber mögliche Platzprobleme lösen. Eine Verbindung ins Netz geht nur über WLAN vonstatten, eine Nutzung z.B. im Park ist mangels Mobil-Verbindung nur eingeschränkt möglich.

Der erste Start zeigt schon, hier ist Amazon Herr im Haus! Diese gesamte Oberfläche ist gepflastert mit unterschiedlichsten Amazon-Angeboten und -Diensten. Das hat schon etwas Bedrückendes auf den ersten Blick, selbst Anbieter von Billig-Handys halten sich meistens mehr zurück. Wer nicht Amazon-Prime-Mitglied ist, hat erst mal das Nachsehen, viele Dienste sind so nicht nutzbar. Wichtig: Amazon Apps können nicht deinstalliert werden. Zum Glück bietet die Oberfläche eine nette Funktion: Schiebt man Apps aufeinander, werden sie zusammen in einen Ordner gepackt. So kann man wenigstens die ganzen überflüssigen Apps in einem Ordner versammeln und die Oberfläche für wichtigere Programme frei räumen. Wenn man denn an alle Apps käme, denn hier gibt es ein kleines Problem.

Ohne Prime-Mitgliedschaft geht hier erst mal (fast) nichts Ohne Prime-Mitgliedschaft geht hier erst mal (fast) nichts

Amazon nutzt zwar Android (5.11, also ziemlich alt), möchte aber Google nicht auf seinem System haben. Daher hat Amazon seinen eigenen Shop gebastelt, wo nur jene Apps sind, die den Machern genehm sind. Leider ist alles recht lückenhaft und z.T. in den Versionen veraltet. Wer Youtube, etwas aus dem Google-Universum oder kleinere Anbieter sucht, wird hier nicht fündig. Es verwundert, dass man immerhin Netflix findet, andere Konkurrenz hat Hausverbot. Möchte man auf seine Lieblings-Apps nicht verzichten, muss man händisch Googles App Store nachinstallieren, was zwar nicht weiter schwer ist (mehr Details s. hier), aber lt. Amazon die Garantie kosten würde. Also entweder erhält man die freie Software-Auswahl oder die Garantie! Schon nach kurzer Nutzungsdauer fühle ich mich (Android-untypisch) an der sehr kurzen Leine gehalten.

Was mich wider Erwarten gar nicht stört, sind die „Spezialangebote“, also (seien wir ehrlich) Werbung. Bei der Bestellung wählt man aus, ob man ein Gerät mit oder ohne Spezialgebote möchte, die Exemplare mit Werbung sind natürlich billiger. Ich fürchtete, im Betrieb von ihnen gestört zu werden, doch es handelt sich um schlichte Einblendungen, wenn man das Gerät aus dem Ruhezustand holt. Meistens nett gestaltete Buchcover, die man wegwischen kann, alles kein Problem für mich. Wer damit ca. 15 € sparen will, sollte darüber nachdenken.

Auch im Android hat Amazon seine Spuren hinterlassen. Die Oberfläche ist übersichtlich, man findet sich schnell zurecht, doch ist sie auch eindeutig verkaufsoptimiert. Man sieht seine Inhalte, aber auch immer jede Menge passende Angebote. Wer darauf allergisch reagiert, dürfte seine Schwierigkeiten mit dem Gerät haben. Beim Durchwischen fällt zugleich positiv auf, dass alles flüssig läuft, nichts unschön hakt und die Darstellung der Inhalte erwartet professionell ist. Prozessor und Grafik sind keine Raketen, aber sie gewährleisten flüssige Performance – selten für den Preisbereich. Das ganze System ist ausgereift (kein Wunder in der siebten Fire HD-Generation), Abstürze oder unlogisches Verhalten bleiben aus.

Jetzt wird es bunt - das neue Amazon Fire HD 8 Jetzt wird es bunt - das neue Amazon Fire HD 8

Die Kameras zeigen deutlich, welchen Wert Amazon diesem Bereich zuweist – keinen! Die Frontkamera wirft mich knallhart ins Jahr 2000 zurück, damals konnte man mit 640 x 480 Bildpunkten noch etwas werden. Vielleicht sinnvoll für einen Video-Chat, bei dem unbedingt anonym bleiben will. Hinten sieht es etwas besser aus, aber auch die 2-Megapixel-Hauptkamera ist nur für gelegentliche Schnappschüsse zu gebrauchen. Ohne viel Licht geht nichts, ein dezenter Blaustich nervt und echte Schärfe gibt es eher zufällig. Hochauflösende Videos werden fies ruckelnd erzeugt und verströmen das Flair eines Daumenkinos. Sehr irritierend, solche Technik Anno 2017 in einem Gerät zu finden.

Aber ich möchte nicht nur kritisieren: Akku und Laufzeit sind top! Selbst Serien-Vielgucker dürften Ihre Freude am Gerät haben, das anscheinend für den Dauereinsatz konzipiert wurde. Mit 12 Stunden Lesen oder Surfen wirbt Amazon, immerhin 10 1/2 handgestoppte Stunden wurden es in meinem Test, beeindruckend! Auch der Sound ist gut, das Klangbild ist durchaus differenziert. Geht es um Medien-Wiedergabe, ist das Gerät halt in seinem Element. Videos abspielen, Surfen oder Bücher lesen – alles kein Problem. Liest man oder schaut Serien, ist die Wiedergabe akzeptabel, bei meinem aktuellen Lieblingsfilm (über Nordlichter) hingegen bemerkt man die mangelnde Pixeldichte, das können andere Tablets besser. Wer hier weniger penibel ist, kann sich auf lange, unterhaltsame Stunden mit dem Fire HD einstellen.

Das Fazit ist daher zwiegespalten. Mich stört weniger, dass man hier kein Performance-Wunder bekommt, das ist bei dem Preis (aktuell 109 € ohne Vergünstigungen) nicht zu erwarten. Wie Amazon aber dem ganzen Produkt dermaßen penetrant seinen Stempel aufdrückt, ist schlicht übertrieben. Dagegen wirkt Google fast wie die Unschuld vom Lande! Ebenso ist es eine Unsitte, Konkurrenten auszusperren, ähnliche Versuche haben schon vor zehn Jahren nicht funktioniert. Der Kunde erwartet bestimmte Apps und wenn diese nicht (oder nur über Umwege und unter Verlust der Garantie!) verfügbar sind, ist das ein großes Manko. Und so bleibt eine Empfehlung nur für jene, die sich bei Amazon zuhause fühlen oder extrem niedrige Ansprüche haben. Wer Amazon Video, Music, Kindle, Prime Photos und Co nutzt oder nur etwas surfen will, kann zufrieden seine Stunden mit dem HD verbringen. Wer aber schlicht ein Tablet kaufen will und keine tiefere Beziehung zu Amazon hat, sollte sich nach anderen Geräten umschauen. Dort wird man an weitaus längerer Leine gehalten.

Was mich interessieren würde: Kommt das neue Amazon Fire HD 8 für Sie in Betracht? Oder wäre Ihnen die Amazon-Ausrichtung zu übertrieben?

Alle Bilder: Amazon Press Center

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