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Helden des Alltags: Der Familien-Admin

Sven Krumrey

Es gibt unbesungene Helden, speziell, wenn jemand einen undankbaren Dienst aus Pflichtgefühl und aus Liebe zu seinem Nächsten versieht. Doch während man den Tag des Ehrenamtes ausruft und soziales Engagement als lobenswert ansieht, fristet eine Spezies dieser Art ein Schattendasein: der Familien-Administrator. Sein Tätigkeitsbereich kam erst langsam, entwickelte sich dann aber mit dem Einzug der massenhaften Nutzung des Internets gewaltig! Und so möchte ich all diese fleißigen Damen und Herren weltweit ehren, indem ich einen Tag im Leben eines Familien-Admins beschreibe. Und glauben Sie mir, der ist nicht so ausgedacht, wie man denken könnte.

Was hat der Sohnemann hier wohl angestellt?

07:20 Uhr: Panik und Tumult. Eine Hausarbeit kann nicht ausgedruckt werden. Hektische Suche nach einer kleinen Ersatzpatrone in schwarz, nachdem der Drucker die volle große alleine nicht nutzen will. Die Minuten bis zur Abfahrt des Schulbusses verrinnen, während der Drucker lautstark seine Düsen reinigt, ominöse Geräusche macht und quälend langsam in den Startmodus geht. In letzter Sekunde erreicht die Hausarbeit „Der Fall der Berliner Mauer“ die Papierform und wird hastig verstaut.

08:00 bis 16:00 Uhr: Arbeit.

16.30 Uhr: Schrille Schreie der Jüngsten. Das Kinder-Tablet mit dem Bärchen-Spiel streikt. Der geübte Blick zeigt dem Familien-Admin die fast durchgehende Nutella-Marmeladen-Schicht auf dem Touchscreen. Auch nach Reinigung spricht das Gerät nicht an und muss neu gestartet werden. Trotzige Empörung, dass der Spielstand verloren ist und nun alle Bärchen erneut mit Honig gefüttert werden müssen. Danach unvermindert empörtes Schnaufen vom Sofa.

18:25 Uhr: Das Android-Handy der Ehegattin bricht unter der Last zahlreicher Apps zusammen und leidet unter fehlenden Ressourcen. Kurze Diskussion, ob wirklich grob 30 Apps mit Push-Nachrichten aus den Bereichen Fitness, Design, Yoga, Ernährung, dazu sämtliche soziale Netzwerke plus Whatsapp nötig seien. Antwort der Gattin: Ja. Diskussion beendet. Der Familien-Admin verspricht, ein Smartphone mit mehr Arbeitsspeicher zu besorgen.

18:45 Uhr: Alarm aus dem Kinderzimmer, das Antiviren-Programm zeigt eine Bedrohung an. Der jüngste Sohn wollte sich verbotenerweise einen aktuellen Kino-Film ansehen und sah es nicht als verdächtig an, vorher eine EXE ausführen zu müssen. Ermahnung durch den Familien-Admin nebst der Anmerkung, mit Amazon Prime und Netflix seien doch genug legale Inhalte verfügbar. Sohn entgegnet ernsthaft, er habe dort schon alles gesehen.

19:04 Uhr: Die Zwerg-Kaninchen haben Ihre wahre Bestimmung darin gefunden, im Auslauf an Kabeln zu knabbern. Die gedankliche Neukonzeptionierung der Kabel wird jäh unterbrochen, als der Drucker wieder streikt, während ein Strickmuster ausgedruckt werden soll. Spezialeinsatz der Jüngsten, deren kleine Hände problemlos in den Papierschacht passen und den Papierstau entfernen. Sonderlob und Gummibärchen.

Drucker-Probleme können jeden Admin verzweifeln lassen Drucker-Probleme können jeden Admin verzweifeln lassen

19:20 Uhr: Anruf der älteren Generation. Der betagte Onkel des Familien-Admins sieht nicht mehr die normale Oberfläche seines Smartphones, sondern „eine seltsame Liste“, die ihm nichts sage. Längere Spurensuche, was passiert sein könnte. Fünf durch Flüche untermalte, vergebliche Versuche, nach links zu wischen, bevor das Handy doch lieber neu gestartet wird. Nun sieht wieder alles aus wie immer, Problem beseitigt.

20.00 Uhr: Bitte um Verschönerung der Bilder vom letzten Familientreffen. Die Damen 60+ wirken nach eigener Einschätzung zu runzelig und rotgesichtig. Höchste Alarmstufe, hier können Gefühle verletzt werden. Sanfter Einsatz von Photoshop, um Falten zu glätten und eine halbwegs einheitliche Gesichtsfarben zu gewährleisten. Allgemeine Zufriedenheit, sobald alle nur noch wenig Ähnlichkeit mit sich selbst haben, dafür aber 15 Jahre jünger aussehen.

21.40 Uhr: Der Zusammenbruch. Ein empörtes Raunen geht durch das Erdgeschoss, als die Interleitung spürbar lahmt. Der Familien-Admin beruhigt die Anwesenden und vermutet das Problem im Obergeschoss der Spätpubertierenden. Der Erstgeborene gibt zu, sich ein Skateboard-Video in kolossaler 4K-Auflösung angesehen zu haben, nur so habe er alle Details sehen können. Sanfte väterliche Rüge.

22:17 Uhr: Offener Konflikt. Alle 4 Netflix-Accounts sind intern schon vergeben, der Zweitälteste kann nicht seine Serie anschauen. Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, um die Teenie-Töchter zum gemeinsamen Schauen zu motivieren. Zähneknirschend gibt der Familien-Admin eine Gruselserie zum Schauen frei, für die die Töchter seiner Meinung nach eigentlich zu jung sind. Familien-Frieden durch Zombies.

23.44 Uhr: Die Älteren gehen in die Disco, die Jüngeren schlafen, Ruhe kehrt ein. Kopfhörer-Genuss einer Vinyl-Platte, Kraft tanken für den nächsten Tag.

Was mich interessieren würde: Kennen Sie solche Helden der Arbeit, die in einem Haushalt die Technik in Schuss halten? Oder sind Sie gar selbst eine(r) ?

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