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Kompliment, lieber (Un)Bekannter!

Sven Krumrey

Bekommen Sie gerne Komplimente? Irgendwie ist das schon nett, aber woher bekommt man sie – und wie wird man sie los? Steht man in einer Schlange an der Wursttheke, erscheint es doch eher unpassend, „Hey, unbekannte Dame vor mir, Ihr Kleid ist gleichermaßen geschmackvoll, wie klassisch und passt farblich zum Aufschnitt“, zu sagen. Es sei denn, man möchte nur verwirrte Blicke ernten oder eine Einkaufstüte an den Kopf bekommen. Selbst unter Freunden (spezieller Fall: Männer) gelten Komplimente oftmals als problematisch, vielleicht sagt man noch etwas Nettes über Haus, Kinder und Auto, das reicht. Da findige Produkt-Entwickler das Problem auch kennen, drängt nun eine neue Art von Apps auf die Handys dieser Welt.

Ein Kompliment kann den Tag versüßen

Man kann ja von Facebook halten, was man will – sie haben einen guten Riecher für Trends. Wenn sie etwas kaufen, schaut die Technikwelt gebannt, welchen Rohdiamanten sie am Haken haben. Zuletzt wurde "to be honest" ("um ehrlich zu sein") für grob 100 Millionen Dollar erstanden, wo es (Sie ahnen es) ebenfalls um Komplimente geht. Dort können im Freundeskreis Umfragen erstellt werden, wer denn z.B. das schönste Lächeln hat, wer die beste Schulter zum Anlehnen bietet oder die beste Wahl für einen spontanen Ausflug wäre. Die Antworten erfolgen anonym, nur das Ergebnis ist öffentlich. Mich hätte eher interessiert, wem man in meinem Bekanntenkreis niemals Geld leihen sollte, aber heikle Themen werden ausgespart. Das ist aber auch besser so, wie man am nächsten Beispiel sieht!

Sarahah (Arabisch für ehrlich oder ausdrücklich, im Ruhrgebiet: Butter bei die Fische!) trat letztes Jahr seinen Siegeszug an. Dort kann man anderen Nutzern anonymes Feedback geben, im Positiven, wie im Negativen. Eigentlich geplant, um den eigenen Chefs die ehrliche Meinung anonym zu vermitteln, ging die App von Saudi-Arabien aus steil. Man kann dort anderen Nutzern Lob zukommen lassen – oder den Marsch blasen – alles komplett anonym. Wie immer im Internet, dauerte es geschätzte 1,2 Nanosekunden, bevor die ersten Mobbing-Fälle publik wurden. Ein Problem, das ähnliche Apps wie Yik Yak oder Secret aus eigener Erfahrung kennen. Die Firmen hoffen, dass nur konstruktive Kritik verschickt wird – die Nutzer lassen hingegen ihren Gefühlen freien Lauf. Manchmal kann Ehrlichkeit halt sehr schmerzhaft sein! Kein Wunder, dass die App kürzlich von Google und Apple aus deren Stores verbannt wurde!

Nicht immer sind die Reaktionen positiv Nicht immer sind die Reaktionen positiv

Whocares geht einen anderen Weg und nimmt den Nutzer mehr an die Hand. Dort meldet man sich mit dem Facebook-Profil an und bekommt nach dem Zufallsprinzip Fragen zu Freunden gestellt. Dabei wird großer Wert darauf gelegt, dass es nicht zu Mobbing kommt. Die Fragen sind eher positiv, im allerschlimmsten Fall kann z.B. antworten, dass man den Style eines Freundes nicht mag, damit sollte wohl jeder leben können. Die Antworten sind dann auch nicht öffentlich, sondern nur für die Person selbst zu sehen. Wer mit einer Frage unzufrieden ist, kann das auch melden, niemand soll unglücklich mit der App sein. Der Erfolg der App ist bislang überschaubar – fehlt hier einfach der Nervenkitzel oder (seien wir mal zynisch) die Möglichkeit zum Frustabbau?

Interessant finde ich, welche Motivation hinter all diesen Apps steht. Es scheint ein tiefes Bedürfnis zu geben, endlich zu erfahren, was andere Menschen über uns denken. Normalerweise geht man ja höflich miteinander um und sagt nicht, dass die Hosen von Tante Frieda immer zwei Nummern zu klein sind, die Kollegin mit lahmen Anekdoten nervt oder der Thunfisch-Zwiebel-Atem des besten Freundes gewöhnungsbedürftig ist. Aber wie kann man auf solche Fakten reagieren, wenn man sie nicht kennt und alle zu taktvoll sind, um sie auszusprechen? Auf der anderen Seite scheinen bei vielen Menschen die Sicherungen durchzubrennen, wenn sie endlich mal loslegen können – schade! Daher sind für sensiblere Naturen wohl eher Apps ratsam, wo es nur Positives zu vermelden gibt. Einen neuen Ansatz gibt es da direkt aus der Ashampoo-Nachbarschaft.

Daumen hoch!

CMPLMNTS (gesprochen Compliments) will alles anders machen und fährt dazu eine beeindruckende Technik auf. Mittels GPS wird die Position des Nutzers ermittelt und die der anderen CMPLMNTS-Teilnehmer in 25 Meter Umkreis. Anhand eines Fotos kann man sie / ihn auf einer kleinen Karte erkennen. Falls man ein Kompliment loswerden möchte, gibt es diverse Kategorien, wie man sein Lob äußern kann. Anzügliche Lobpreisungen fehlen dabei komplett - gut! Denn als Anbagger-App ist CMPLMNTS nicht gedacht. Der Gebauchpinselte erhält sofort eine Nachricht und weiß, dass er positiv aufgefallen ist, aber nicht wem. Ob man dann lächelnd weitergeht oder sich umschaut, wer denn so nett war, bleibt jedem Einzelnen überlassen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich auch mal ein Gespräch ergibt, wenn man es will. Nicht die schlechteste Idee in Zeiten, wo Einsamkeit ein so großes Thema ist, dass z.B. in Großbritannien ein eigenes Ministerium dafür gegründet wird.

Ich muss zugeben, dass ich solchen Apps immer zwiegespalten gegenüberstehe, Raum für zwischenmenschliche Kontakte sollte auch ohne Apps ausreichend vorhanden sein. Auf der anderen Seite leben viele von uns zunehmend anonymer und ziehen für den Job und die Liebe immer häufiger um. Vielleicht suchen wir einfach neue Wege für Kontakt, Austausch und – auch Komplimente und Feedback allgemein. Und ganz ehrlich: Wer will nicht wissen, was andere von einem denken, ganz ehrlich und ungefiltert? Wer freut sich nicht über ein Lob?

Was mich interessieren würde: Können Sie sich vorstellen, eine solche App zu nutzen, ob nun für den ungefilterten Meinungsaustausch oder einfach für ein nettes, anonymes Kompliment?

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