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Das Ende von Google+

Sven Krumrey

2011 war Google voller Hoffnung. Für die Jahresmitte stand das größte Prestigeprojekt der Firmengeschichte auf dem Plan. Google+ sollte die Welt der sozialen Netzwerke komplett auf den Kopf stellen, Facebook den Rang ablaufen und natürlich enorm viele Benutzerdaten sammeln. Man konnte keine größere Seite besuchen, ohne von Google+ Werbung geflutet zu werden. Was nach rekordreifem Start folgte, waren Pannen und Ernüchterung, weshalb das „einzig zeitgemäße Netzwerk“ nun seine Pforten schließen wird.

Das Ende eines großen Hoffnungsträgers

Wer sich doch einen Blick gönnte, war meistens nicht begeistert. Man erwartete irgendeinen Mehrwehrt zum Konkurrenten Facebook, fand ihn aber nicht. Es war nett, Freunde und Verwandte in bestimmten Kreisen (Circles) anzulegen, damit Tante Frieda oder der Chef nicht die wilden Feierfotos zu sehen bekamen, den Zoobesuch mit der ganzen Familie hingegen schon. Dafür fehlten lange Umfragen, nur Firmen zeigten sich angetan von einer weiteren Werbeplattform. Wer bei Google+ eine Unternehmens-Seite hatte, wurde in der Google-Suche damit oftmals prominent angezeigt. Dieser kleine Business-Teil von Google+ wird auch weiter bestehen, weshalb auch immer.

Die Gründe für das Scheitern sind dafür recht einfach: Sicherheitsprobleme und mangelndes Interesse. Nach dem erwähnten Anfangshoch nutzen immer weniger Mengen den Dienst und 90% der Useraufrufe von Google+ waren kürzer als 5 Sekunden – also klassische Verklicker, dahin wollte niemand freiwillig. 8 Jahre hatte man sich bemüht, den Laden am Laufen zu halten und zahlreiche Änderungen für mehr Benutzerfreundlichkeit gemacht. Dennoch enteilte Facebook weiter, die Jüngeren zogen weiter gen Instagram für den schönen Schein, zu Reddit für die Storys oder zum Teilen von Momenten zu Snapchat. Google musste dabei eines bemerken: Egal, wie groß die Firma oder das Werbebudget, ohne zündende Ideen kommt man nicht weiter.

Da sah die Welt bei Google+ noch rosig aus: Der Beginn 2011 Da sah die Welt bei Google+ noch rosig aus: Der Beginn 2011

Vergleicht man die Nutzungszahlen mit Facebook, die 2,1 Milliarden monatliche Nutzer haben, WhatsApp mit 1,3 Milliarden oder Instagram mit ca. 800 Millionen, muss auch der Google-Fan die Niederlage eingestehen. Die ersten Skeptiker hatten schon 2014 den Braten gerochen, als Google+-Chef Vic Gundotra ging und glatte 1000 Programmierer aus dem Projekt abzogen wurden. Allein diese Zahl zeigt schon, welch enormer Aufwand hinter diesem Netzwerk steckte. Und nimmt man Personal weg, passieren (Sie ahnen es) auch mehr Fehler. In diesem Fall war es eine Schnittstelle für Entwickler (nennt sich API), die es Entwicklern ermöglichte, auf Namen, E-Mail-Adresse, Beschäftigung und mehr zuzugreifen. Seit 2015 bestand die Lücke, 500.000 Konten waren betroffen. Fast ein halbes Jahr hielt man diesen Fehler geheim, man wollte Google+ nicht noch weiter schädigen.

Selbst die Abschieds-Mail sorgte für Verwirrung, denn viele Menschen verstanden sie falsch. Sie lasen den Titel „Dein privates Google+ Konto wird am 2. April 2019 gelöscht“ nicht genau, übersahen das kleine Plus und wähnten die Google-Suchmaschine und die zahlreichen Google-Dienste am Ende. Manche versuchten schon, eigene Daten zu retten und Tausende Fotos auf dem heimischen Rechner zu parken. Inzwischen ist Google+ so unbekannt, dass die Empfänger oftmals keine Ahnung von seiner Existenz hatten. Hätte man es nicht an die große Glocke gehängt, nur Informationen innerhalb von Google+ gestreut und dann gelöscht, die Reaktion wäre wohl minimal gewesen. Google musste sogar ein erklärendes FAQ erstellen, um seine aufgescheuchten Nutzer zu beruhigen. Das kommt davon, wenn man ein Produkt über Jahre nicht pflegt, nicht bewirbt und dann mehrere Milliarden E-Mails mit einer Lösch-Nachricht verschickt.

Google+ heute (Symbolbild) Google+ heute (Symbolbild)

Und wer heute durch Google+ schaut, kommt sich ein wenig vor wie in einer Ruinenstadt. Alte Communities, die seit Monaten kaum mehr Besucher gesehen haben, Profile mit den Highlights von 2015 und einzelne, versprengte Grüppchen, die noch die letzten Tage bis zur Schließung ausnutzen. Als ich ein paar User anschreibe und nach ihrer Meinung frage, ist doch eine gewisse Melancholie zu spüren, manchen haben hier liebe Freunde und Bekannten im Netz gefunden. Manche sind schon zu Facebook übergesiedelt, andere liebäugeln mit Pinterest oder den Underdogs von Vero. Sie alle hätten nicht gedacht, dass Google hier scheitern könnte – falsch gedacht. Wer Google+Nutzer ist, packt gerade seine digitalen Sachen, denn private Daten werden zur Schließung unwiederbringlich verloren gehen.

Die digitale Welt hat dieses Projekt über Jahr mit großem Interesse verfolgt. Denn schnell wurde klar, dass Google vieles hatte: Geld, Marktmacht, Werbemöglichkeiten – nur keine wirkliche Vision. Wenn niemand die Zusatzfunktionen will, man zu einer Mitgliedschaft gedrängt wird und die Macher nach drei Jahren schon der Mut verlässt, hat man den Erfolg auch nicht verdient.

Was mich interessieren würde: Glauben Sie, dass die große Ära der sozialen Netzwerke vorbei ist? Ist z.B. ein Internet ohne Facebook denkbar?

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