TECH

Microsofts Umdenken auf dem Browsermarkt: Ein Blick auf den Chromium Edge

Sven Krumrey

Wir haben richtig nette Web-Programmierer bei Ashampoo. Sanfte Menschen mit Augen wie Rehe. Selbst deren Blicke werden aber hart wie Granit, wenn sie „Internet Explorer“ hören. Über lange Jahre war der IE der Standard für das Internet, Fluch und Segen zugleich. Ob wenig experimentierfreudiger Privatnutzer oder vom Admin gezwungener Bildschirmarbeiter, der Internet Explorer war für viele das Tor zur weiten Welt. Die Web-Programmierer hatten die oft eigensinnigen Entscheidungen von Microsoft auszubaden, damit die Seiten richtig angezeigt werden konnten. Auch in meiner Zeit als Tester musste ich so manches Mal behutsam vermelden, dass eine Seite sehr wohl auf Firefox oder Safari funktionierte, aber der Internet Explorer damit seine Probleme hatte. Das ist nun vorbei, denn im neuen Edge-Browser steckt Chromium! Also alter Name, neues Programm! Was erwartet uns mit dem neuen Microsoft Browser?

Neues Logo, neues Programm

Wieso nutzt der neue Browser Chromium als Unterbau?

Microsoft und Browser – das war nie die ganz große Liebe. Zuerst verschlief man die Entwicklung und ließ z.B. Netscape damit Luft zur Verbreitung. Dann versuchte man, den Nutzern mittels Marktmacht den IE als Standardbrowser unterzujubeln, bis man vor Gericht dabei gestoppt wurde. Schließlich kam mit Windows 10 der Microsoft Edge, um den viel geschmähten Namen Explorer loszuwerden. Wieder rührte man die Werbetrommel und beteuerte, wie viel schneller Edge denn als Chrome sei, es half alles nichts, die große Verbreitung blieb aus. Es fehlte an Kompatibilität, an Erweiterungen und war im Aufbau zu weit vom Standard entfernt – den bereits seit Jahren andere setzen. Darum nutzt man nun als Engine (hier: der Teil des Browsers, der die Internetseiten zur Anzeige umrechnet) Chromium und baut halt Optik, Einstellungen und Extras herum – ein extrem verminderter Aufwand!

Der erste Test

Frisch installiert, können gleich sämtliche Bookmarks, Passwörter etc. von anderen Browsern importiert werden, damit man sich gleich wie zu Hause fühlt. Wie immer spart Microsoft nicht mit Beschreibungen, Tipps und Tricks rund um den Browser. Interessant: Den Begriff Chromium finde ich nicht, dafür natürlich „neu“, „schnell“ und „Leistung“ bis zum Abwinken. Den neuen Edge gibt es für Windows 7 und höher, MacOS, Android und iOS. Wer mag, kann Favoriten, Kennwörter, Verlauf und mehr auf jedem Gerät synchronisiert anzeigen lassen. Ich lasse den üppigen Lesespaß an Info und Eigenwerbung mal beiseite und kämpfe mich zur Startseite. Die wird (natürlich) erst mal von Microsoft dominiert. Es gibt drei Anzeige-Optionen, die über ein Zahnrad in der rechten Ecke ausgewählt werden können. Je nachdem, welche Option man auswählt, unterscheiden sich das Layout und die Inhalte komplett. Fokussiert ist eine graue, nüchterne Anzeige, die auf das Nötigste (Favoriten und Suchschlitz) reduziert ist. Inspirierend fügt dem Ganzen ein Bild aus der großen Bing-Sammlung hinzu und wird meine erste Wahl. Informativ (hier scherzhaft RTL2-Modus genannt) zeigt zusätzlich noch Wetter, Sportergebnisse und Promi-Nachrichten und ist mir definitiv zu viel. Egal, ich surfe bei bester Leitung auf schnellem Rechner durch meine gängigen Seiten und bin überrascht – die klassische Edge-Gedenksekunde entfällt!

Die Die "inspirierende" Grafik

Surfen mit Microsoft Edge

Auch wenn ich Sie jetzt nicht mit detaillierten Benchmark-Ergebnissen langweilen will (ganz kurz: Edge liegt hier gleichauf mit Chrome und Opera und vor Firefox), überzeugt das Tempo gleich beim ersten Versuch. Als ich testweise auf eine üble Seite gehe, warnt mich die standardmäßig aktivierte Sicherheitssoftware Defender SmartScreen, die sich aber sonst angenehm zurück hält. Soziale Netzwerke, Shopping-Seiten, News – alles läuft geschmeidig, man merkt einfach die Chromium-Basis. Wenn es sich nicht wie eine Premiere anfühlt, so stimmt das sogar, seit März testete man mit großer Community daran herum und veröffentlichte zahlreiche Updates bis zum 15. Januar.

Sicherheit und Privatsphäre

Man glaubt es kaum, aber Microsoft lässt sich hier nicht lumpen. Neben dem schon erwähnten Defender SmartScreen (ganz nett) gibt es einen feinen Tracking-Schutz, der einiges an Einstellungsmöglichkeiten bietet und den Nutzer vor Nachstellung durch sog. Tracker schützt, die Daten über Ihr Surfverhalten sammeln. Die Grundeinstellung bewirkt, dass alle Tracker verhindert werden, sofern man die Hersteller-Seiten niemals besucht hat. Amüsant, wie sich bei den Geblockten hunderte illustre Name in kurzer Zeit ansammeln. Auch personalisierte Werbung kann mit einem Klick deaktiviert werden, vorbildlich! Der Rest ist Standard, ob es um die Cookie-Behandlung, das Versenden von anonymen Nutzungsdaten oder das Verhalten beim Schließen des Browsers geht. Man will übrigens nur Daten sammeln, um unsere „Zufriedenheit zu erhöhen“, ein Schmunzler ist also schon eingebaut! Allgemein sind die Einstellungen übersichtlich, schnell zu bewältigen – und Chrome nicht unähnlich, aber etwas umfangreicher. MS-Enthusiasten werden vielleicht genau das ankreiden: Man erkennt weder eine familiäre Ähnlichkeit mit dem Internet Explorer, noch mit Edge. Ich denke aber, dass genau das geplant war!

Erweiterungen und Sonstiges

Natürlich gibt es einen Store von Microsoft für Erweiterungen, den wollte in der Vergangenheit aber selten jemand nutzen. Deshalb kann man einfach den Chrome Store öffnen und die dortigen Programme einfach zu installieren. Edge blendet kurz eine Einverständniserklärung ein, dann installiert man nach Lust und Laune und fertig. Schon an Bord ist die Möglichkeit, sich das Gezeigte auch vorlesen zu lassen, PDF-Files werden problemlos gelesen und der dunkle Modus ist wirklich angenehm. Bing ist natürlich als Standard-Suchmaschine eingetragen, kann jedoch unter Einstellungen / Datenschutz und Dienste / Adressleiste nach Ihren Wünschen angepasst werden. Was sonst noch am Start ist: Ein Privat-Modus, 4K-Ultra, Dolby Audio und Audivision beim Netflix-Streamen und die Möglichkeit, den Style von Windows einfach für den Browser zu übernehmen, nett. Hochinteressant auch ein kleiner Test auf einem Windows-10-Tablet, hier scheint Edge wirklich Chrome abzuhängen! Ich bin gespannt, ob das anderen auch so geht!

Der Tracking-Schutz von Edge

Fazit

Auch mit guten Resultaten stellt sich die Frage, ob Microsoft hier wenigstens einen Achtungserfolg erreichen kann. Denn: Welchen Grund haben Nutzer, zu wechseln? Der Mensch ist ja Gewohnheitstier und auch wenn man die Daten importieren kann, ein gewisser Aufwand ist immer dabei. Wo ist das Plus gegenüber Chrome, wenn man von der Tracking-Verhinderung absieht? Vielleicht kommt das noch, denn es sind noch nicht alle Funktionen eingebaut. Man spricht von einer neuen Funktion, Inhalte zu sammeln, von Verknüpfungen zu Office und Sonderfunktionen in der Schnittstelle zu Windows – hier könnte der Konzern natürlich seine Power nutzen! Stand heute haben wir einen guten, schnellen und auch schönen Browser, der endlich auch kompatibel zum Rest der Online-Welt ist. Ob Sie damit zufrieden sind- probieren Sie Edge nach Lust und Laune aus! Damit ist man erstmals seit langer Zeit auf Augenhöhe zu Chrome und kann vielleicht wieder einige Nutzer neu zurück gewinnen.

Ausblick

Ohne Zweifel, mit dem neuen Edge ist Microsoft ein rundum gelungener Browser geglückt. Natürlich werden Datenschützer wieder kritisch sein. Denn obwohl Microsoft so tut, als würde man jede gesammelte Benutzerinformation zuerst einer Ethik-Kommission vorlegen: natürlich werden Daten wie bei Chrome gesammelt, sie werden nur nicht an Google geschickt! Auf der anderen Seite: Funktionsumfang, Schnelligkeit und Benutzerfreundlichkeit sind durchweg positiv. Alles andere wäre auch eine Schande gewesen, wenn man die schwierigste Arbeit schon anderen überlässt! Denn Microsoft stärkt damit die Marktposition von Google indirekt weiter, man ist nun von deren Arbeit abhängig, früher eine undenkbare Position für den Software-Giganten. Denn auch wenn Chromium natürlich Open Source ist, zweifelt niemand daran, dass Google in diesem Projekt die Zügel fest in der Hand hat. Nun gibt es noch zwei Browser (Safari und Firefox), die nicht mit Chromium laufen, eine zunehmende Monopolisierung auf dem Browsermarkt droht.

Was mich interessieren würde: Geben Sie dem neuen Edge eine Chance?

Einen Download direkt von Microsoft finden Sie hier.

Zurück zur Übersicht

Kommentar schreiben

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.