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LIFE

Weshalb ich gleich mal das Handy abschalte

Sven Krumrey

Irgendwo auf dem platten Land schaute ich auf mein Handy und war - ich mag es kaum schreiben - offline. Keine dienstliche Mail konnte mich erreichen, was meine Freunde auf Whatsapp plauderten, blieb mir verborgen und auch der Blog war weit weg. Mit zuerst gemischten Gefühlen ließ ich den Blick schweifen, sah Kühe, Windräder, den grauen Horizont und sonst keine Menschenseele. Keine Vibration würde eine neue Nachricht ankündigen, kein feines *Ping* wichtige Nachrichten aus der Firma. Allein, offline, nur der Wind im Gesicht und ein unerwarteter Frieden.

Zu viele Informationen für nur einen Kopf

Was für einige von Ihnen Normalität sein dürfte, ist heute im Berufs- und Privatleben vieler Menschen eine seltene Ausnahme. Ob man sich mit Freunden spontan treffen möchte, beruflich schnell reagieren muss oder die Familie kurz noch die Fotos vom letzten Geburtstag teilen möchte, das Handy meldet sich konstant. Reagiert man nicht, erntet man Unverständnis. Aus dem typisch mütterlichen Du rufst ja nie an, ist ein anklagendes Ich habe dich mehrfach vergeblich auf dem Handy angerufen. Lebst Du noch? geworden. Als sei man mit einer Nabelschnur damit verbunden. In den Firmen hat sich auch Grundlegendes geändert. Während man früher die Tür hinter sich schloss und Feierabend hatte, bringen ständiger Zugriff auf Mails und Systeme nun neue Verpflichtungen mit sich. Hat der Interessent aus Taiwan geschrieben? Das sind dann die Momente, wo die Globalisierung dem Berufstätigen in den Hintern beißt. Solche Gedanken verleiten, noch kurz vor dem Schlafengehen in die Mails zu schauen und vielleicht doch noch zu antworten.

Auch in der Freizeit wird straff durch genervt. Egal, ob der Wecker summt, um an etwas zu erinnern, vielleicht Medikamente anstehen oder jemand Geburtstag hat, es ist niemals wirklich Ruhe. Ein besonders irres Phänomen sind neuerdings Apps, die dem Nutzer eigentlich gut tun sollen. Quasi eine Wellness-Beraterin als kleines Programm. Die melden sich dann alle paar Minuten bis Stunden, um dem Nutzer trink Wasser oder schaue auf etwas Schönes und freue Dich darüber zu empfehlen. Mich würde das deutlich weniger entspannen, muss ich zugeben. Hat man dann noch die News, Fußballergebnisse oder Wetterwarnungen aktiv, kann man sich über ein lustiges Dauerfeuer von Signalen erfreuen. Ein Kollege, der sich anscheinend sämtliche Wintersportergebnisse der Welt schicken lässt, läuft praktisch vibrierend durchs Leben. Es scheint keine reine Frage des Alters zu sein, auch in Ehren ergraute Zeitgenossen frönen der Sucht.

Nur noch kurz in die Mails schauen

Dabei müssen nicht Langeweile oder der Drang, besonders zeitgemäß zu wirken, die Gründe sein. Mancher schaut aus professionellem Pflichtbewusstsein, um mit Freunden und Familie Kontakt zu halten oder damit er in einer komplizierten Welt gut informiert ist. Zuerst sehen das alle gerne, wenn man schnell ein "Wunderschön!" auf das Kinderbild der Nichte antwortet, noch fix die Frage eines Kollegen klärt und für die Wochenend-Planung schon alle Termine parat hat. IT-Größen wie Apple, Google und Microsoft geben uns Assistenten an die Hand, die uns an alles erinnern, durch den Verkehr leiten und uns die günstigste Tankstelle zeigen. Wenn man dann abends im Bett liegt, alles erledigt und nichts vergessen hat, ist doch alles gut, oder?

Nein, jedenfalls nicht auf Dauer. In mancher Firma, wo ich gearbeitet habe, gaben sich die Kollegen mit Magengeschwüren, Tinnitus und Burnout-Syndrom die Klinke in die Hand. Andere hatten kaum Zeit für Hobbys oder kannten nicht die Stadt, in der sie lebten. Und das waren keine gehetzten Typen, die schnell Karriere machen wollten, sondern ganz normale, motivierte Zeitgenossen. In solchen Momenten wird man nachdenklich. Ich musste mir eingestehen, beim Duschen im Halbschlaf schon an Marketing-Texte zu denken oder samstags bis morgens um 2 Uhr Kommentare freigeschaltet zu haben. Nicht, weil ich es müsste (eher im Gegenteil, es wird gar nicht gerne gesehen), sondern weil es mich beschäftigt. Weil ich auf meinem Handy die dienstlichen Mails habe und weil ich interessiert daran bin, was Sie hier kommentieren. Aber ist das alles so richtig?

Die Weite, um den Kopf frei zu bekommen

Und so werde ich nun gleich mein Handy ausmachen. Ich werde abends keinen Kommentar freischalten (sehen Sie es mir nach!), sondern einfach so leben, wie es vielleicht meine Großeltern getan haben. Okay, mit weniger Rum im Tee als sie früher, sonst wird der Abend kompliziert. Vielleicht lese ich ein Buch oder fahre ans Meer, wo mir der Wind um die Nase weht und tanke Energie. Der Computer wird unbenutzt in der Ecke stehen, selbst die Nachrichten-Sendungen werde ich meiden, die Welt dreht sich morgen bestimmt immer noch. Den Versuch ist es wert.
Und nun meine Frage an Sie: Was bedeuten Handy, Computer und Co für Sie? Ist moderne Technik für Sie nützliches Werkzeug, ständiger Lebensbegleiter oder einfach nebensächlich?

Anmerkung des Autors

Mein Chef hat mir nachts um 2 Uhr geschrieben, dass er den Text gut findet. Ich frage ihn mal, ob er ihn auch verstanden hat. :)

Landschafts-Bild von Sandra Roeken / SkeeterPhotoArt
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