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Mach's gut, Windows Phone!

Sven Krumrey

Wenn Manager ins Plaudern kommen, ohne Marketing-Phrasen zu dreschen, wird es richtig interessant. Letzte Woche verkündete Joe Belfiore, der Windows-Edge-Chef von Microsoft, ganz nebenbei das Ende von Windows im Handy-Bereich. Windows 10 wird für diese Geräte nicht mehr weiterentwickelt, es folgen einzig noch Fehlerbehebungen und Sicherheits-Updates bis Ende 2019. Es wird also mit iOS und Android nur noch 2 große Konkurrenten auf dem Handymarkt geben. Obwohl nur ca. 1% aller Handys Windows Phones sind, war das Echo groß. Denn selten sah man so deutlich, wo auch die größte Marktmacht endet und wie schwer ein Innovationsrückstand aufgeholt werden kann.

Bunt, aber nicht begehrt: Das Windows Phone

Viele sahen schon den späten (und etwas holperigen) Einstieg Microsofts in die Handy-Sparte als Fehler, den sie nie wieder einholen könnten. Android und iPhone waren schon bestens etabliert, als das etwas biedere Windows Phone 7 erschien. Mit seinem geschlossenen System (wie bei Apple) hielt man einige App-Entwickler auf Abstand, die standardmäßige Synchronisierung aller Telefonbuch- und Kalendereinträge sorgte für Wirbel und einige nervige Fehler wurden erst nach Jahren behoben. Als sich trotz aller Werbemaßnahmen keine größere Verbreitung einstellte, fand man sich schnell in einem Teufelskreis wieder. Weshalb sollten Firmen mit viel Aufwand Apps für so wenige Nutzer entwickeln? Und weshalb sollten die potentiellen Käufer sich für ein Handy entscheiden, auf dem ihre Lieblings-Apps nicht verfügbar sind? Auch Versuche, sich mit preisgünstigen Handys und Kooperationen mit großen Herstellern am Markt zu positionieren, scheiterten. Wo es z.B. Blackberry schaffte, sich eine kleine, aber feine Sparte auf dem Markt zu erkämpfen (sie glänzen halt mit Tastatur, Sicherheit und Business-Tauglichkeit), scheiterte der Gigant aus Redmond.

Doch Microsoft kämpfte. Man ergänzte Feature um Feature, holte sich große Apps wie Facebook oder WhatsApp ins Boot oder bot eigene Alternativen zu populären Programmen. Ergebnis: Trotz rund 300000 Apps im Store blieben viele Nutzer frustriert zurück. Entweder fehlten beliebte Anbieter komplett oder die Apps waren in der Funktion oftmals eingeschränkt. Wie man kürzlich zugab, bot man den Entwicklern sogar Geld für Windows Phone-Versionen an oder programmierte sie in aller Verzweiflung selbst – vergebens.
Der große Wunsch, auf Computer und Handy gleiche (oder möglichst ähnliche) Systeme an den Start zu bringen, sorgte zudem für Wirbel bis weit in die PC-Sparte hinein. Das Kachel-Desaster auf Windows 8, das zahlreiche Nutzer weltweit verärgerte, hatte seine Wurzel im mobilen Bereich. Hier sollte zusammenkommen, was wohl nicht zusammengehört. Was auf einem Handy durchaus funktionieren kann, nervte die Windows-Fans massiv am heimischen PC und sorgte für eine eingeschworene Fangemeinde von Windows 7 bis zum heutigen Tag. Erst mit Windows 8.1 und später Windows 10 konnte man die Kunden halbwegs versöhnen.

Der Hoffnungsträger, der wie Blei in den Regalen lag Der Hoffnungsträger, der wie Blei in den Regalen lag

Dabei waren Windows Phones durchaus besser als Ihr Ruf. Weil sie aber erst spät auf den Markt kamen und zudem von Microsoft stammten, galten sie als uncool, nervig (speziell durch andauerndes Synchronisieren) und umständlich in der Bedienung. Nüchtern betrachtet: Sicher waren die Betriebssysteme nicht fehlerlos, sicher hat mancher geflucht, aber bei welchem Betriebssystem war das nicht so? Ob Android oder iOS, überall gibt es fehlende Logik in der Bedienung, Daten-Sammelwut oder verwirrende Einstellungsmöglichkeiten. Doch Microsoft, dem PC-Primus, wollte man sie nicht verzeihen. Für mich waren Windows Phones hingegen super Einsteiger-Handys, intuitiver erfassbar als Android und natürlich weitaus billiger als Apple-Geräte. Die Kachel-Optik, über deren Ästhetik man sich streiten kann, ist speziell für ältere Menschen gut nutzbar. Zudem waren die Handys so wenig verbreitet, dass sie schlicht niemand hacken wollte – ein wirklicher Vorteil. Doch es half alles nichts. Apple behielt sein Image als edler Überflieger, Android war billig und glänzte mit einer gigantischen Entwickler-Community und Microsoft blieb das verschmähte Stiefkind.

Die Windows 10-Geräte waren dann der letzte Versuch. In Kritiken durchaus gewürdigt, war man kompatibel wie nie zu PCs und Tablets. Endlich war ein Datei-Explorer am Start und der Store übersichtlicher. Was auf einem PC läuft, sollte so auch ohne große Änderungen auf dem Handy nutzbar sein. Mit moderaten Preisen und guter Hardware sollte das Feld von hinten aufgerollt werden. Es änderte sich – nichts. Momentan sollen 0,1% der Handys weltweit der letzten Windows 10-Generation angehören, ein peinlicher Wert für einen Marktführer. Und so überraschend das Aus für diesen Geschäftsbereich auch scheinen mag, er war unvermeidlich. Microsoft will sich dennoch nicht komplett von Handys zurückziehen. Einzelne Programme wie das Office-Paket oder der Browser Edge werden auch auf Android und iOS vertreten sein. Ach ja, Joe Belfiore soll nun ein Android-Handy haben, Bill Gates auch. Schade, Windows Phone, aus Dir hätte was werden können!

Was mich interessieren würde: Haben Sie auch Erfahrungen mit einem Windows Phone? Wie denken Sie darüber, dass diese Alternative vom Markt verschwindet?

Bilder: Microsoft-News Centre

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