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Vom Luxus, keine Ahnung oder Meinung zu haben

Sven Krumrey

Sie werden es vielleicht bemerkt haben, ich war für einige Wochen außer Gefecht gesetzt. Bei einem Klassikkonzert brach ich mir das Sprunggelenk, neben einer OP blühte mir eine längere Rekonvaleszenz. Dröge Zeit, die ich natürlich auch zuweilen online verbachte und in der ich mich durch die sozialen Netzwerke wühlte. Nach zwei Tagen unter Schmerzmitteln bei Facebook stellte ich mir nur noch die eine Frage: Leute, könnt ihr nicht einfach mal die Klappe halten?

Immer wird diskutiert

Gleich in meiner Nähe brannte ein Moor, der Rauch zog über viele Städte und verdunkelte sichtlich den Himmel. Natürlich gab es bei Facebook unzählige Kommentatoren, die über diesen Umstand empört waren (ein Waffentest war schiefgelaufen), was ich auch verstehen konnte. Es gab aber auch viele, die den mangelnden Erfolg der Löscharbeiten kritisierten. Um es klar zu sagen: Ich halte mich nicht für dumm, dennoch habe ich absolut keine Ahnung, wie man ein Moor löscht. Das hatte ich nie in der Schule und aus einer Familie passionierter Moorlöscher stamme ich auch nicht. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass die anderen mehr wussten, dennoch kamen empörte Kommentare im Minutentakt. Aber warum? Muss man sich heutzutage zu allem äußern, um nicht vor seinen Mitmenschen als meinungsschwach oder uninteressiert zu gelten?

Ich gestehe, ich habe eine Schwäche, die Weltwirtschaft und ihre Mechanismen. Ich weiß, wie wichtig sie ist, welche Auswirkungen wir davon spüren, dennoch habe ich keine langfristige Motivation, mich da einzuarbeiten. Immer wieder schaue ich mir den einen oder anderen Aspekt an, vergesse aber schnell Zusammenhänge und werde mit dem Thema nicht warm. Schande über mich! Was genau passiert, wenn irgendwer die Zinsen hebt und welche Auswirkungen es auf den Aktienmarkt hat– ich weiß es nicht. Ich bin überzeugt, das geht vielen so. Daher schreibe ich zu diesen Thema höchst selten etwas, weil ich halt nicht kompetent bin. Dennoch äußern sich Menschen pausenlos dazu, denen ich kaum das kleine Einmaleins zutraue. War das früher auch schon so, dass man dauernd über Themen diskutierte, die den eigenen Horizont weit überstiegen? Man konnte sich ja schwerlich auf den Wochenmarkt stellen und dort lautstark seine persönliche Einschätzung zur Bildungspolitik verkünden. Wo wurde man da seine Meinung los? Oder hatte man gar keine?

Erst durch Wissen und Nachdenken wird eine Meinung lesenswert Erst durch Wissen und Nachdenken wird eine Meinung lesenswert

Durch das Internet haben wir fast alle Informationen, um diese Welt in fast allen Facetten zu verstehen, aber können oder gar müssen wir das? Früher musste man sein Lexikon wälzen oder in die Bibliothek fahren, wenn man etwas nicht wusste, heute kann man auf dem Klo googlen, wenn man in einer Diskussion zu unterliegen droht. Alles ist verfügbar, aber macht uns das allwissend? Am 14. November 1716 ist mit Gottfried Wilhelm Leibniz der Mann gestorben, den viele für den letzten Universalgelehrten halten. Er war in so vielen Bereichen bewandert, dass er das Wissen seiner Zeit parat hatte. Heute ist das unmöglich, man kann schon Eindruck auf Partys machen, wenn man die Bundesstaaten der USA kennt. Was liegt da näher, auch zu seiner eigenen Unwissenheit zu stehen? Wir können nicht alles wissen; in einer Welt, die immer globaler und komplizierter wird, schon gar nicht. Dennoch scheint es ein Reflex vieler Mitmenschen zu sein, sich immer zu allem äußern zu müssen. Was für ein Unsinn!

Nehmen wir Freejazz. Dieses Genre klingt für mich wie eine instrumentale Kneipenschlägerei und ich finde keinen Zugang. Grund genug, diesen Stil deshalb im Internet in Grund und Boden zu stampfen? Niemals! Da ich nicht glaube, dass technisch exzellente Musiker und wirklich schlaue Leute mit dieser Musik nur Unsinn veranstalten und strukturlosen Lärm erzeugen, habe ich dazu einfach keine relevante Meinung. Ich würde mich ja auch nicht über Sprachen äußern, die ich nicht verstehe. Der Anreiz, mich richtig in diese Musik zu vertiefen, ist für mich nicht gegeben, sollen sie weiterhin tröten, wildeste Schlagzeugfiguren hinlegen und atonal ihr Glück finden – kein Problem! Das gilt auch für bestimmte moderne Klassik, die für mich oftmals einem Orchester unter unerwarteten Stromschlägen ähnelt. Muss ich nicht toll finden, aber ärgert mich auch nicht. Ich habe davon keine Ahnung, sollen Menschen mit mehr Wissen darüber urteilen. Dieser Ansatz befreit und versprüht den Zauber der Toleranz. Denn Toleranz kommt vom lateinischen tolerare, was ertragen, erdulden oder aushalten bedeutet – von Genuss ist hier keine Rede!

Spiegelei oder Sonne? Jedenfalls Moderne Kunst Spiegelei oder Sonne? Jedenfalls Moderne Kunst

Als ein Freund mal eine Galerie moderner Kunst besuchte, war er danach kaum ansprechbar. Allzu viele „Klecksbilder“, wie er sie nannte, hatten ihm gründlich die Laune verdorben. Er fühlte sich persönlich angegriffen durch all die Werke, die seiner Meinung nach weder Kunst waren, noch in ein Museum gehörten. Natürlich musste er seine Meinung gleich ins Internet bringen und bezichtigte die Galerie, Menschen zum Narren zu halten und die "wahre Kunst“ (was er auch immer damit meinte, in seinem Wohnzimmer hängt jedenfalls ein Picasso-Druck) zu verraten. Selbstverständlich gab es einen Sturm der Entrüstung im Netz, was er sich einbilde, als offensichtlicher Laie dieses Thema zu kommentieren. Ich ging extra in dieselbe Ausstellung und verstand nicht mehr als er davon – war aber eher amüsiert. Entweder war hier eine geheime Verschwörung im Gange, Menschen den gröbsten Mumpitz als Kunst zu verkaufen (was ich nicht glaube) oder es fehlte mir einfach an Wissen, Einfühlungsvermögen und Phantasie, um in den Werken etwas zu sehen. Ich aß dort eine hervorragende Gulaschsuppe und ging dann fröhlich meiner Wege. Das Verlangen, meine Ansichten dazu ins Internet zu jagen, hatte ich nicht.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin alles andere als ein Verfechter einer maulfaulen und desinteressierten Gesellschaft. Es ist für mich auch gefühlte Bürgerpflicht, mich in bestimmten politischen und sozialen Bereichen halbwegs auszukennen. Aber bringt das reflexartige Absondern von Meinungen zu allen möglichen Themen wirklich etwas? Ich frage mich auch, woher das kommt. Ist es eine Sucht nach Anerkennung oder nach Reaktionen? Äußern sich hier vorwiegend Menschen, die sonst niemand nach ihrer Meinung fragt? Die Auswirkungen sind verheerend: Selbst bei Kleinigkeiten der Lokalpolitik kocht jede Diskussion denkbar hoch, selten wird sachlich argumentiert. Ist es das, was Facebook im Schilde führten, als sie „Menschen verbinden“ wollten? Wohl kaum. Eine Diskussion über Zebrastreifen uferte so aus, dass sie vom Moderator geschlossen werden musste. Ich wollte mich übrigens dazu nicht äußern – ich hatte nichts Schlaues zu sagen und bewunderte lieber das Abendrot durch mein Fenster.

Was mich interessieren würde: Gehören Sie auch zu den leidenschaftlichen Kommentatoren im Internet? Oder sehen Sie das Geschehen dort eher entspannt?

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