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LIFE

Ein romantischer Abend unterm Todesstern

Sven Krumrey

Ein Urlaub daheim hat ja auch immer etwas Gemütliches. So auch bei mir, nach einem feinen Tag unterwegs wollten wir auf dem Sofa „etwas Nettes gucken“. Näher hatten wir es nicht eingegrenzt und damit begann das Problem. Während man früher auf das Fernsehprogramm angewiesen war (ganze 3 Programme in meiner Jugend!), hatten wir nun 40 Programme, diverse Mediatheken, Amazon Prime und Netflix zur freien Verfügung. Und was so entspannend begann, wurde zur echten Herausforderung.

Die Herrschaft über die Fernbedienung kann eine Last sein

Denn während Decken und Knabberzeug schon bereit lagen, begann der lange Weg durch ein unerschöpfliches Angebot. Und wenn ich den Begriff „Qual der Wahl“ beschreiben müsste, dieser Abend würde definitiv zur Sprache kommen. Selbst wenn man nach 20 Minuten Scrollen einen halbwegs passenden Film gefunden hat, konnte der perfekte Film ja noch an anderer Stelle warten. Also schaut man weiter und erinnert sich nach 3 Minuten kaum noch, welche Filme vielversprechende Kandidaten waren. Gefolgt von der unvermeidlichen Frage „Und was gibt es bei Netflix?“.

Ich nenne es das „Chinesische Speisekarte“-Syndrom. Man bekommt in diesen Restaurants oft einen ganzen Katalog von Köstlichkeiten in die Hand gedrückt und bei Mongolischer Krieger mit Ente (Nr. 307) hat man längst vergessen, was es sonst alles gibt. Oder man denkt wirklich an einen grimmigen Mongolen-Krieger und seine Ente und beginnt leise zu kichern. Im Endeffekt nimmt man häufig dann doch, was man schon kennt. Die Streaming-Dienste kennen das Problem und versuchen, immer mehr Struktur in ihr Programm zu bringen. Es gibt dann Rubriken wie „Für Leute, die romantische Komödien mögen“ oder „Für Leute, die romantische Horror-Komödien mögen“. Irgendwann gibt es bestimmt noch „Für Leute, die Kamele mögen“, und man findet dort die Mumie neben Lawrence von Arabien.

Ein mongolischer Krieger, leider hier ohne Ente Ein mongolischer Krieger, leider hier ohne Ente

Mit dem Angebot steigen die Ansprüche, man möchte ja nicht irgendwas schauen. Und sieht eine Kurzbeschreibung zum Film nett aus, stehen oftmals miese Bewertungen im Weg. Wer will schon etwas anschauen, das durchschnittlich nur 4,4 von 10 Punkten bei den Zuschauern bekommen hat? Früher war ich weniger anspruchsvoll und das geht wohl vielen Menschen so. Wenn vor 25 Jahren ein Film wie Zehn – Die Traumfrau im Fernsehen kam und sich dort eine bekannte Schauspielerin halbwegs entblätterte, gab das bombige Einschaltquoten. Dabei war der Film selbst so interessant wie Rasenmähen, doch das war ziemlich egal. Heute sind selbst Serien häufig ebenso teuer und aufwändig gemacht wie Hollywoods Blockbuster und wenn nur zwei Folgen Mittelmaß sind, überlegt man sich, ob man weiter schaut.

Denn das Angebot ist groß und es wird immer schwieriger für die Macher, aufzufallen und Stamm-Zuschauer zu gewinnen. Die bewährten Maschen (gutaussehende Ärzte, Herzschmerz in jeder Form, episches Mittelalter, etc.) funktionieren noch, aber die Zuschauer schreien nach Neuem. Wer auf Vampire im Teenie-Alter steht, bekommt gleich mehrfach die Vollbedienung, Zombie-Fans natürlich auch, selbst alte Klassiker werden wieder und wieder reanimiert, natürlich möglichst zeitgemäß. Ein Sherlock Holmes mit Handy und Internet-Recherche? Kein Problem!

Und so wird immer weiter an der Schraube gedreht. Mehr Filme, mehr Serien, selbst ein Ende nach Wunsch wird gerne geliefert. Als viele Fans mit dem Ende von How I Met Your Mother nicht zufrieden waren, wurde schnell noch ein anderes produziert. Falls das ein Erfolgsmodell wird: Ich hätte gerne ein Ende von Star Wars VI, wo Darth Vader und der dunkle Imperator heiter mit einem Glas Punsch am Lagerfeuer sitzen und ein Liedchen anstimmen, während der Todesstern romantisch am Himmel prangt. Hollywood, wäre das möglich?

So romantisch kann ein Todesstern aussehen

Und so sammelten wir munter Film um Film, die wir irgendwann mal anschauen wollen, der passende Film für den Abend aber blieb in dem riesigen Angebot verborgen. Oder unsere Erwartungshaltung war einfach zu hoch – bei der Auswahl musste doch Besseres zu finden sein! Im Endeffekt schauten wir übrigens eine Dokumentation über die Landung der Alliierten Anno 1944 im Fernsehen. Veteranen beider Seiten mit tief eingefurchten Gesichtern erzählten Ihre Geschichte. Nur sparsam mit Spielszenen angereichert, echtes Leben. Das war auch gut.

Was mich interessieren würde: Nutzen Sie das riesige Unterhaltungs-Angebot, das sich in den letzten Jahren entwickelt hat? Oder verbleiben Sie klassisch bei Fernsehen / Zeitung / Büchern?
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