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Ersetzt das Smartphone jetzt die Digitalkamera?

Sven Krumrey

Kürzlich fiel mir eine kleine Meldung auf. Nikon schließt mit sofortiger Wirkung ein großes Werk in China. Die Begründung war ungewohnt klar: Der Markt für Digitalkameras schrumpfe durch den Siegeszug der Smartphones zu stark, das ganze Tochterunternehmen sei dadurch in Schieflage geraten. Blickt man rüber zu Canon, die 2016 ein wirklich mieses Jahr hatten, und schaut dann auf die Kameras, die selbst erschwingliche Handys mittlerweile am Start haben, kann man nachdenklich werden. Endet das glorreiche Zeitalter der Digitalkameras? Haben bald nur noch Spezialisten und Enthusiasten digitale Spiegelreflexkameras im Schrank?

Unverzichtbar für den Urlaub: Der Schnappschuss mit dem Smartphone

Als um 2000 die ersten Handys mit Kameras kamen, waren die Kunden oftmals desillusioniert, wenn man nicht zufällig Fan abstrakter Kunst war. Mit miesen Auflösungen und in jeder Hinsicht ungenügenden Bildern war man meistens schon froh, wenn man wenigstens erkennen konnte, was abgebildet war. Das reichte, um Schnellschüsse zu produzieren, als schön konnte man diese Erzeugnisse aber nicht bezeichnen. Die Handy-Hersteller unterschätzten anfangs die Bedeutung der Kamera, schließlich sollte man mit den Geräten telefonieren, Nachrichten schreiben und vielleicht etwas surfen. Aber schon 2010 erbrachte eine Umfrage, was man vorher schon ahnte: die Kamera war den meisten Nutzern wichtiger als die eigentliche Telefonfunktion. Schnell wurde die Kamera daher zu einem wichtigen Faktor, auch die Frontkamera. In den Zeiten der sozialen Netzwerke, wo kein Abendessen undokumentiert bleiben darf und gute Selfies Werkzeuge der Selbstdarstellung sind, drängten die häufig jungen Käufer fortan auf bessere Kameras.

2014 kam dann eine echte Kampfansage vom Smartphone-Hersteller HTC: schon 2016 seien die Kameras ihrer Handys so gut, dass sie selbst Spiegelreflexkameras überflüssig machen würden. Wie man heute weiß, ist dies immer noch nicht der Fall, aber die Hersteller sind auf dem besten Weg dahin. Das bloße Knipsen klappt allgemein schon recht gut, bei genügend Licht sind sogar gute Aufnahmen möglich. Das große Problem kommt aber bei wenig oder diffusem Licht. Hier sind aktuell die unternommenen Anstrengungen am größten, zu der Leistungsfähigkeit moderner Digitalkameras aufzuschließen. Dabei kommen zwei Faktoren ins Spiel, bei denen Handy-Kameras oft unterliegen: die Blende und die Sensorgröße.

Die Blendenzahl (wird gerne in Angaben wie z.B. f/1.8 angegeben) gibt das Verhältnis der Brennweite (f) zur Weite der Blendenöffnung an. Als Faustregel, ohne zu sehr ins Detail zu gehen, gilt: Je größer die Blendenöffnung, desto mehr Licht gelangt auf den Sensor. Das sorgt dann für eine kürzere Belichtungsdauer und auch bessere Bokeh-Effekte (bewusst unscharf gehaltene Bereiche auf dem Foto). Der Sensor, sozusagen die Netzhaut der Kamera, nimmt dieses Licht dann auf und verwandelt es in verwertbare Bildinformationen. Je größer dieser Sensor ist, desto mehr Licht kann aufgenommen werden. Drängen sich aber zu viele Megapixel auf kleinem Raum, sind die Lichtzellen entsprechend klein und nehmen pro Bildpunkt weniger Licht auf – das Bild rauscht daher bei schlechten Belichtungsverhältnissen. Oft versucht man dabei, durch hohe ISO-Werte (mehr Aufnahmeleistung pro Bildpunkt) eine bessere Lichtausbeute herbeizuführen, doch auch dabei rauscht es, denn zu kleine Sensoren lassen sich nicht so einfach kompensieren. Frühe Handy-Kameras hatten dabei einen Sensor, der kleiner war als Ihr kleiner Fingernagel, während Kompaktkameras oftmals Sensoren in Briefmarkengröße hatten. Auch hier legen die Hersteller regelmäßig massiv nach. Jahr für Jahr werden sowohl die Blenden, wie auch die Sensoren in Smartphones größer.

Kleiner Sensor, große Wirkung Kleiner Sensor, große Wirkung

Megapixel wurde schnell (und zu Unrecht) zum Zauberwort für gute Fotos. Wer eine etwas ältere Digitalkamera sein Eigen nennt, liegt weit hinter der Auflösung moderner Smartphones zurück. Das muss aber nicht zu viel bedeuten, denn eine hohe Auflösung macht alleine noch kein gutes Foto! Speziell, wenn der Sensor zu klein ist und die Lichtverhältnisse mangelhaft, setzt halt digitales Rauschen ein, das manch stimmungsvolles Bild verdirbt. Daher ist die Auflösung nur ein Faktor von vielen, die gute Fotos ausmachen. 20 Megapixel, wie bei aktuellen Huawei-Geräten, sind sicher beeindruckend, doch viele Hersteller bevorzugen weiter Auflösungen bis 15 Megapixel, wie die Marktführer Samsung und Apple. Selbst das neue iPhone X, das aktuell als wahres Wunderwerk angepriesen wird, wirkt mit 12 Megapixel eher bescheiden, doch die Stärken liegen woanders.

Ein großer Makel ist noch immer der fehlende optische Zoom. Er wird normalerweise durch das Zusammenspiel mehrerer Linsen in gewissem Abstand erzeugt und ist innerhalb von Smartphone-Dimensionen nicht realisierbar. Man müht sich zwar, den digitalen Zoom zu verbessern, an einen sauberen Zoom mit Teleobjektiv kommt man aber nicht heran. Das Resultat ist mehr eine Vergrößerung des bestehenden Bildes und entsprechend pixelig. Das ist auch verständlich, denn eine leistungsstarke Optik braucht Raum – und der ist einem Smartphone halt nicht vorhanden. Zwar gibt es immer wieder einzelne Geräte, die auch einen echten optischen Zoom am Start haben, doch wirken sie neben möglichst dünnen und leichten Smartphones eher wie Exoten.

Doch es wird weiter aufgerüstet. Bildstabilisatoren waren früher die Domäne hochwertiger Digitalkameras, heute sind sie bereits in vielen Smartphones enthalten. Als Ersatz für einen echten Zoom plant man gerade extrem große Sensoren, von denen nur ein Ausschnitt aufgenommen und dann direkt auf den Sensor vergrößert wird – mit recht ansprechenden Resultaten. Zudem haben Smartphones einen großen Bonus – die Software. Dort werden mit großem Aufwand an immer besseren Methoden zur Optimierung und Bearbeitung der Bilder gearbeitet und großzügig Updates spendiert. Arbeitet dann ein Smartphone mit 3 GB Arbeitsspeicher und schnellem Prozessor, laufen selbst anspruchsvolle Berechnungen zügig ab. Zudem können Filter und Effekte gleich auf dem Gerät erledigt werden, bequemer geht es nicht. Werden Digitalkameras aber damit überflüssig?

Wettstreit der Systeme - der Kunde entscheidet Wettstreit der Systeme - der Kunde entscheidet

Nein, die Smartphone-Kameras werde nicht auf absehbare Zeit hochwertige Digitalkameras ablösen. Es könnte allerdings den „kleinen Knipsen“ an den Kragen gehen. Diese Kompaktkameras, die über Jahre bei Veranstaltungen oder Urlauben mitgeschleppt wurden, verlieren langsam ihre Existenzberechtigung. Wer hingegen auf hohe Qualität setzt, Bilder eher komponiert, als knipst, wird wohl bei hochwertigen Digitalkameras bleiben. Zudem mag nicht jeder Touchscreen-Bedienung oder möchte auf einen echten, fühlbaren Auslöser verzichten. Für viele Menschen ist das Fotografieren eine Passion, die weit über Selfies und den Schnappschuss am Urlaubsstrand hinausgeht. Wer sich als echter Fotograf empfindet, wird weiter zu DSLR- oder System-Kameras greifen und stolz das Foto-Köfferchen durch die Welt tragen. Dass der Markt in seiner Breite weiter schrumpft, erleben die Hersteller hingegen schon heute.

Was mich interessieren würde: Halten Sie der klassischen Digital-Kamera die Treue oder nützen Sie Ihr Smartphone schon längst als Kamera? Womit werden die Bilder von der nächsten Weihnachtsfeier geschossen?

Liebste Foto-Spezialisten: Ich hätte hier auch über Ausleserauschen, BSI-Sensoren oder Bayer-Filter schreiben können. Das hätte aber nur Menschen interessiert, die sich eigentlich sowieso schon auskennen. Sehen Sie es mir bitte nach, wenn ich in diesem kleinen Blog nicht zu sehr in die Tiefe gehe.

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