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Was sind Upload-Filter?

Sven Krumrey

Das Europaparlament stimmte kürzlich über eine große Reform des europäischen Urheberrechts ab. Mit den neuen Gesetzen sollen fortan die Urheberrechte in einem stärkeren Maße geschützt werden. Umstritten sind vor allem Upload-Filter, mit denen schon beim Hochladen entschieden werden soll, ob ein Video, Song oder Bild gegen das Urheberrecht verstößt. Rechteinhaber wie Filmemacher, Musiker und Autoren weltweit verfolgen das Geschehen und sehen ihre große Stunde gekommen. Doch was sind Upload-Filter, wie funktionieren sie – und weshalb sind sie so umstritten?

So wird sich das Internet ändern

Zuerst: Jeder Politiker vermeidet das Wort Upload-Filter, weil es höchst unpopulär ist. Das klingt nach Überwachungsgesellschaft, ein Hauch „1984“ schwingt mit und keine Partei will damit in Verbindung gebracht werden. Also nennt man es lieber „Inhaltserkennungstechniken“, technisch umgesetzt werden diese Techniken dann (Sie ahnen es) mittels jener Upload-Filter. Es wird also ein böses Wort nicht genannt, um die Bürger / Wähler nicht in Unruhe zu versetzen, auch wenn die Realisierung technisch identisch ist, das macht Sinn! Es soll fortan automatisch bei jedem Upload ins Internet (z.B. Facebook, Instagram, Twitter, YouTube, etc.) untersucht werden, ob gegen das Urheberrecht eines Rechteinhabers verstoßen wird. Jede profitorientierte Seite, die älter als 3 Jahre ist, muss mitziehen, wenn sie keine Strafe riskieren will.

Wenn aber effektiv verhindert werden soll, dass geschützte Inhalte illegal hochgeladen werden, so müsste idealerweise ein technischer Abgleich mit einer Datenbank erste Verdachtsmomente liefern und abschließend ein schlauer Mensch drüber schauen. Das ist jedoch aufgrund der schieren Menge (allein bei YouTube werden täglich 1 Milliarde Stunden an neuen Videos hochgeladen) nicht möglich. Es wird also zuerst eine riesige Datenbank erstellt, in die Muster von sämtlichen urheberrechtlich geschützten Medien eingepflegt werden. Danach werden alle Daten, die man hoch lädt, automatisch mit dieser Datenbank abgeglichen. Man wird wohl vorher die Daten analysieren und dann einen sog. Hashwert von ihnen erstellen. Dieser Wert ist einzigartig und einem bestimmten Medium (z.B. einem Bild) zugeordnet. Wird etwas hochgeladen, erstellt man ebenfalls einen Hashwert davon und vergleicht dann den Wert mit der Urheberrechts-Datenbank. Ist eine Übereinstimmung zwischen den Werten da, kommt die Datei (also z.B. das Video) erst gar nicht ins Netz, sondern wird geblockt. Anders als jetzt, wo Daten zumeist erst im Netz stehen, bis sich ein Rechteinhaber beschwert, soll zukünftig das Blocken früher geschehen.

Es wird genau dann schwierig, wenn keine 1:1 Kopie vorliegt, also eine Änderung oder Bearbeitung vorliegt. Nehmen wir an, ich lade einen Hollywood-Blockbuster auf YouTube hoch. Selbst dem Dümmsten dürfte klar sein, dass dies nicht legal ist und die Rechteinhaber hier ihr Veto einlegen. Doch wie wäre es mit einer kleinen Parodie? Also wenn ich einen Teil des Videos nehme, umschneide, mit Effekten, Kommentaren und neuer Musik unterlege und damit etwas Neues, Lustiges erschaffe? Hier wird etwas an geschütztem Material verändert, es gibt keine komplett identischen Inhalte, der Vergleich mit dem Original bringt nichts. Schaut man ins Internet, ist die Zahl von Parodien, Anspielungen und Bearbeitungen riesig und ein wichtiger Teil der weltweiten Internetkultur. In diesem Moment müsste nun ein Algorithmus zwischen bloßem geistigen Diebstahl und z.B. Satire entscheiden und da beginnt das Problem. Denn künstliche Intelligenz ist faszinierend, schnell und flexibel – aber sie hat keinen Humor, kein menschliches Verständnis und versteht keine feinen Differenzierungen, die uns Menschen eigen sind.

Künstliche Intelligenz versteht uns Menschen nicht wirklich Künstliche Intelligenz versteht uns Menschen nicht wirklich

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Sie haben sich ein feines Modell von LEGO gekauft. Später wollen sie es wieder verkaufen und machen ein schönes, detailreiches Foto von der Box und wollen es bei eBay reinstellen. Mit etwas Pech vergleicht der Upload-Filter dieses Foto mit den Daten, die LEGO hinterlegt hat, sieht hinreichend Ähnlichkeiten und schon ist das Bild weg, niemand wird es im Internet sehen. Ärgerlich, oder? Oder sie posten auf Facebook den Screenshots eines Zeitungsausschnitts, eine Karikatur, ein GIF aus einem Film, alles landet in den Fängen der Automatik. Ob es Humor ist, Information oder gar Bildung, es wird geblockt, was nicht sein darf. Und da die Portale haften, ist davon auszugehen, dass mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Was auch nur entfernt illegalen Inhalten ähnelt, wird nicht veröffentlicht, die nächste Klage der Rechteinhaber wartet ja schon. Kritiker gehen deshalb vom sog. Overblocking aus, einer komplett übertriebenen Filterung.

Die Inhalte einer Zeitung sind im Regelfall urheberrechtlich geschützt. Wie soll aber Facebook wissen, was in welcher Zeitung heute drin stand und somit zu löschen wäre? Nichts ist älter als die Zeitung von gestern, also werden im Internet zumeist topaktuelle Inhalte geteilt. Sollen also sämtliche Zeitungen ihre aktuellen Ausgaben hochladen, damit sie gleich von der Datenbank verarbeitet werden? Anders könnte ein Portal Übereinstimmungen kaum erkennen, Ausschnitte sind noch schwieriger, hier müssten Abgleiche über automatische Texterkennung erfolgen, natürlich alles tagesaktuell. Es sei denn, ein Algorithmus blockt alles, was irgendwie nach Zeitung aussieht und erwischt damit auch lokale Vereinszeitungen, historische Ausgaben und auch die Hochzeitszeitung der lieben Nachbarn. Auch Bildungsangebote wie Wikipedia könnte so massive Probleme bekommen, hier ist das Zitat und die Nutzung von Bildern und Texten Grundlage vieler Quellenforschung. Genau das, befürchten Experten, würde eine immense Verarmung des Internets in Gang setzen.

Interessant wird es auch bei Live-Übertragungen, wie soll hier geblockt werden? Dürfen Gamer weiterhin im Internet übertragen, wie sie ein Spiel spielen? Die Spiele selbst sind ja urheberrechtlich geschützt. Wie man diese Streams überhaupt technisch überwachen will, ist noch nicht hinlänglich geklärt, auch wenn es dies gesetzlich verlangt wird. Auch die Erschaffung der künstlichen Intelligenz ist noch längst nicht so weit, um die Vorgaben zuverlässig umzusetzen. Zwar arbeitet z.B. YouTube schon seit Jahren daran, Motive und Gesichter zu erkennen, doch funktionieren diese Filter nur mit grober Streuung. Menschen werden fälschlicherweise als nackt erkannt, klassische Kunstwerke der Renaissance zur Pornographie erklärt und zuweilen dunkelhäutige Menschen als Affen identifiziert. Und diese Filter sollen nun ohne grobe Aussetzer die Uploads im Internet regulieren? Das scheint mir mehr als gewagt.

Was nicht erwünscht ist, könnte abgewürgt werden Was nicht erwünscht ist, könnte abgewürgt werden

Ein weiterer Ansatz, den viele Datenschützer bemängeln: Mit diesem Upload-Filtern hätte man alle Möglichkeiten, um das Netz einer strengen Zensur zu unterziehen. Sicher, in den Gesetzen steht nichts davon drin, aber man hat mit dieser Reform technisch dann alle Mittel zur Umsetzung. Welche Länder werden nicht widerstehen können, ihren Bürgern genau auf die Finger zu schauen und ungeliebte Themen und Meinungen gleich aus dem Netz kegeln? Wenn jede Datei kontrolliert werden kann, wird die Versuchung groß sein, politische Gegner ruhig zu stellen. Ein Bild mit regierungskritischem Inhalt wird populär? Eine kleine Änderung des Upload-Filters und es wird aus dem Netz getilgt! Eine wirklich grauenhafte Vorstellung!

Und wenn sich nun die Leser*innen jenseits der EU wohlig zurücklehnen, es sei ihnen gegönnt! Doch vielleicht ist es verfrüht. Auch amerikanische / internationale Lobbyisten habe nicht nur in Europa ihr Werk getan, sie arbeiten schon daran, in anderen Staaten ähnliche Gesetze zu installieren. Denn dass viele Urheberrechte weltweit verbesserungswürdig sind und nicht wirklich mit dem Internet konform gehen, ist unbestritten. In welcher Weise und mit welchen Mechanismen man Probleme in der Griff bekommen will, unterscheidet sich jedoch stark. Ich wünsche Ihnen ein möglichst freies, von keinen automatischen Löschungen geregeltes Internet, wo sie auch immer sitzen!

Was mich interessieren würde: Sollten Politiker über Dinge entscheiden, von denen sie ganz offensichtlich nichts verstehen?

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