LIFE

Willkommen zurück im Blog / Die Grenzen des Online-Shoppings

Sven Krumrey

Zuerst ein paar erklärende Worte, denn der Blog war ja eine Zeit weg. Wir alle hatten wohl gerade nicht die beste Zeit unseres Lebens, viele waren besorgt, wütend oder tatsächlich krank, die Kommentarspalten vieler anderer Seiten wurden geschlossen oder quollen vor grummeligen Wortmeldungen über. Meine Laune war ebenfalls oft überschaubar und irgendwie drehten sich auch die IT News oft nur um das eine Thema. Dieser kleine Blog lebt aber von Leichtigkeit, er ist kein kalkulierter Geniestreich des Marketings, es steht auch beim Verfassen kein Manager mit einer Knute hinter mir. Ich schreibe gerne frei von der Leber weg, mein Übersetzer Manuel freut sich, wenn er mal lockere Texte ins Englische bringen kann, das ist alles. Und da es Menschen gibt, die das auch lesen mögen, existiert dieser Blog seit 2015. Als kürzlich Home-Office für mich endete und wir alle zusammensaßen, war das alte Feeling plötzlich wieder da und damit auch der Blog! Wir hoffen, dass Sie alle gesund und munter sind und uns weiterhin gewogen bleiben.

Am Ziel meiner Träume

Zum eigentlichen Thema: Als die Geschäfte geschlossen waren, brauchte ich ein neues Kissen, mein altes hatte sich in Staub und unschöne Klumpen verwandelt. Da der lokale Fachhandel ausschied, versuchte ich mein Glück über das Internet. Die Grundproblematik ist eigentlich banal, ich schlafe auf der Seite und habe nicht gerade die schmalen Schultern eines kleinen Mädchens. Also brauchte ich ein Kissen, das einen gewissen Halt gibt und von festerer Konsistenz ist. Kein schweres Unterfangen? Das dachte ich anfangs auch! Es sollte jedoch anders kommen. Auf einer Seite gab es extra eine Kategorie für Seitenschläfer, wunderbar! Und die Kommentare zu diesem besonderen Kissen waren euphorisch. Wie viele andere feierte Frank (49) aus Berlin in den Bewertungen ein Kissen mit annehmbarem Preis- Leistungsverhältnis nach allen Regeln der Kunst ab. „Wunderbares, solides Kissen für mich als schweren Seitenschläfer! Meine Frau hat auch gleich eines bestellt!“ Da die Rückgabe kein Problem war, bestellte ich. Drei Werktage später kam das gute Stück an. Wenn Sie sich ein Altreifen-Lager bei Windstille in sengender Sonne vorstellen können, ahnen Sie den Geruch beim Öffnen des Pakets. Nähte, wie bei einem Erdbeben produziert und eine billige, knisternde Oberfläche komplettierten das Bild. Unbekannter, jubelnder Frank, Du hast mich verraten!

Aber man möchte ja nicht vorschnell aufgeben. Ich wechselte zum anderen Lieferanten, der alle Aspekte seiner Kissen mit Punktwertungen in einer Matrix verglich. Höhe, Festigkeit, Weichheit, alles wurde fein säuberlich aufgeführt, ganz nach meinem Geschmack. Nach eingehendem Studium entschied ich mich für ein Exemplar mit hoher Festigkeit und einiger Höhe. Damit sollte der Nachtschlaf wieder gesichert sein! Als ich es nach einer Woche öffnete, entströmte kein beißender chemischer Duft der Hülle, ein echter Fortschritt. Durch Vakuum zu einer kleinen Rolle komprimiert, sollte mein neues Kissen lt. Beschreibung „eine Stunde frei atmen, damit es sich entfaltet und zur vollen Größe gelangt.“ Geduld war angesagt, also verließ ich das Schlafzimmer und wartete auf mein schwer atmendes Kissen. Nach 60 Minuten hatte ich ein Kissen mit der Konsistenz eines Wackelpuddings. Das Kissen geriet schon in Schwingungen, als ich mich aufs Bett kniete, um es näher in Augenschein zu nehmen. Hätte es noch nach Waldmeister gerochen, die Illusion wäre perfekt gewesen. Das soll ein „wunderbar stützendes Gelkissen“ sein? Mit einem Finger waren die 12 cm Höhe locker durchzudrücken, ein Test erübrigte sich von selbst. Der Mann am Postschalter nickte mir schon zu, als ich wieder mit einer Retoure da war.

Und täglich klingelt der Lieferbote

Was hilft? Natürlich die Wissenschaft! Also ließ mich auf der nächsten Seite von einem „Schlafforscher und Orthopäden“ überzeugen, dessen silberne Mähne und sonnengegerbter Teint mir Vertrauen einflößten. Ein Kissen, von klugen Köpfen erdacht, mit Designpreisen überhäuft und in Laboren getestet, sollte es sein. Vier Werktage später lag dieser Triumpf der Wissenschaft vor mir. Wunderbar gearbeitet, geruchsneutral und hart wie aus Eichenholz geschnitzt. Ich weiß nicht, welcher Doktor Frankenstein dieses Kissen den bedauernswerten Probanden im Schlaflabor aufgedrängt hat und wie viele schlaflose Nächte sie damit verbrachten. Im Hochglanz-Beiblatt stand noch mitfühlend drin, es könne durchaus ein paar Tage dauern, sich daran zu gewöhnen. Lustige Grafiken zeigten mir, wie sich Haltung und Wohlbefinden verbessern würden, wenn man diesen groben Klotz nutzte. Also probierte ich es aus, eine ganze Woche lang. Quälende Nächte mit schmerzendem Nacken, gestörtem Tiefschlaf und unterdrückten Flüchen folgten. Abends schaute ich das Kissen mit einer gewissen Todesverachtung an, bettete mein Haupt auf den gefühlten Ziegelstein und hoffte das Beste für meine Halswirbelsäule. Nach acht Tagen stand ich wieder am Postschalter, der Mann am Schalter und ich unterhielten uns wie alte Freunde über Fußball.

Da Kapitulation immer eine schlechte Option ist, wechselte ich vom angeblichen Fachhandel zu Amazon und suchte weiter. Wie immer dort, las ich zuerst die schlechten Bewertungen. Man merkt recht schnell, ob hier nur genereller Frust abgelassen wird, der Kunde überzogene Vorstellungen hat oder ob es sich wirklich um gerechtfertigte Kritik handelt. Nach langer Recherche entscheid ich mich für ein recht preisgünstiges Objekt, das solide in jeder Hinsicht schien. Ein „internationaler Schlaf-Spezialist“ versendete in Windeseile und schickte mir - ein bereits gebrauchtes Kissen. Ich möchte mich nicht in unappetitliche Einzelheiten ergehen, das Kissen war offensichtlich schon intensiv getestet worden und jemand rauchte im Schlafzimmer. Da konnte auch keine handgeschriebene Notiz der Händlerin mit Herzchen drunter etwas ändern. Ich packte alles mit spitzen Fingern wieder ein, die Retoure erfolgte am selben Tag und mein Frust saß tief. Selbst der inzwischen vertraute Plausch am Postschalter (er wollte sich ein neues Auto kaufen) versöhnte mich nicht. Nachts nahm ich resigniert mein altes Kissen und wartete, bis der Einzelhandel wieder öffnen konnte. So vergingen Wochen.

Was wäre ein gemütliches Bett ohne Kissen?

Als der lokale Betten-Spezialist wieder seine Tore öffnete, ging ich gleich hin. Ein sichtbar motivierter Mitarbeiter nahm mich in Empfang, offensichtlich glücklich über jeden Kunden. Nach kurzem Beratungsgespräch kam er mit einem guten Dutzend Kissen zurück, die ich Stück für Stück testen konnte. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Mit eher sparsamen Erklärungen ließ mich der gute Mann einfach machen und ich genoss, was das Internet nicht bieten kann. Selbst anfassen und austesten, Fragen stellen und sofort Antworten bekommen, es war herrlich. Kissen um Kissen wurde ausgetestet, aus zwölf Exemplaren kamen drei in die nähere Auswahl, bis sich der richtige Kandidat herauskristallisierte. Hier war kein Frank, der jedes Kissen wie den Erstgeborenen bejubelte, keine Wissenschaftler, die mir den orthopädischen Nutzen eines gefühlten Steins näherbringen wollten und keine Verheißungen, etwas geformter Schaumstoff würde mein Leben verändern. Mit gehobener Laune ging ich zur Kasse, zahlte 10€ weniger als bei Amazon und schlief später wie ein Baby.

Was mich interessieren würde: Was würden Sie niemals im Internet kaufen?

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